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WIG Herbstanlass: Das Schweizer Gesundheitswesen im Blindflug

Am WIG Herbstanlass 2018 zeigte das Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie in drei Kurzreferaten das ungenutzte Potenzial der heute schon vorhandenen Gesundheitsdaten auf und diskutierte, wie es besser genutzt werden könnte.

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Simon Wieser ist sicher: Die Daten im Gesundheitswesen könnten besser genutzt werden.

Simon Wieser ist sicher: Die Daten im Gesundheitswesen könnten besser genutzt werden.

Institutsleiter Simon Wieser eröffnete den WIG Herbstanlass 2018 mit einem Paradoxon: Mit jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben von über 10’000 Schweizer Franken hätten wir das teuerste und grosszügigste Gesundheitssystem. Rund 87 Prozent der Bevölkerung sei mit dem System auch zufrieden – obwohl wir eigentlich kaum etwas wüssten, weder über die Qualität der Behandlungen, noch über deren langfristige Wirkung. «Als ich in die Branche eingestiegen bin, war ich wohl etwas naiv. Ich dachte, die Ärzte, die wissen schon, wie häufig einzelne Krankheiten sind», so Wieser über seine Anfänge im Gesundheitswesen. Während seiner Forschungstätigkeit habe er dann realisiert: «Eigentlich wissen wir wenig.» Zum Beispiel darüber, wie wirksam Spitalbehandlungen darin seien, Menschen mittel- bis langfristig vom Sterben abzuhalten. Wenn jemand im Spital sterbe, komme das natürlich ins Dossier. Aber sobald er oder sie sich ausserhalb des Spitals befinde, hätten wir keine Ahnung mehr. «Wie lange jemand durchschnittlich lebt, nachdem er einen Unfall oder einen Herzinfarkt überstanden hat – das sind alles Daten, die eigentlich mit den Patientendaten des Spitals verknüpft werden müssten.»

Das Problem sei allerdings nicht, dass zu wenig Daten zur Verfügung stünden. Sie könnten bloss zu wenig genutzt werden. Forschende hätten oft nur einen sehr beschränkten Zugang. «Könnten wir Daten uneingeschränkt nutzen, wäre das unser Paradies», erklärt Wieser nüchtern. «Aber die Daten gehören den Leistungserbringern und Versicherungen.» Dies sei eines der Hindernisse. Der Datenschutz und die Angst vor zu viel Transparenz schränke die Forschenden ein. Denn die Kontrolle über Daten seien schlussendlich auch eine Form von Macht.

Gemäss Milo Puhan sind die Forschenden die Treiber von Innovation.

Gemäss Milo Puhan sind die Forschenden die Treiber von Innovation.

Forschende sind die Treiber von Innovation
Mit der Verknüpfung von Daten beschäftigt sich auch Dr. Milo Puhan, Professor für Epidemiologie und Public Health an der Universität Zürich, eingehend. Daten würden erst mit der Arbeit daran richtig gut, erklärte Puhan. So referierte er an diesem Abend mit Fokus auf sogenannte Patientenpfade, welche den gesamten Behandlungs- und Betreuungsprozess von Patientinnen und Patienten festhalten und sich theoretisch als Lösung für die von Wieser angesprochenen Probleme anbieten würden. Die Praxis gestalte sich aber oft schwierig und umständlich – wenn beispielsweise unklar ist, ob eine Verlinkung überhaupt legal sei. Die Datenanträge hätten auch schon einen hilfreichen Umweg über das Bundesamt für Justiz gemacht.

Ein weiteres Stichwort sei die Vollständigkeit der Daten. Diese, und damit auch die Vergleichbarkeit, sei zwar in den letzten 20 Jahren sehr erfolgreich fortgeschritten. Dennoch bestünden, gerade in der ambulanten Gesundheitsversorgung, grosse Lücken. Zudem müsste man auch ganz neuartige Daten in Spiel bringen, so Puhan. Die Forschenden dürften das Bewusstsein darüber nie verlieren, dass sie selber die Treiber von Innovation seien.

Marco D’Angelo und die Nomenklatur zur Datenerhebung beim BfS.

Marco D’Angelo und die Nomenklatur zur Datenerhebung beim BfS.

Idealerweise erhalten wir Antworten aus bestehenden Daten
Weshalb das Gesundheitswesen vor allem mit der Beschaffung ambulanter Daten seine Schwierigkeiten hat, leuchtet einem spätestens nach Marco D’Angelos Referat ein. 18’000 Hausärzte zu befragen stehe in keinem Vergleich zu ein paar Spitälern, so der Vizedirektor des Bundesamts für Statistik. Gleichzeitig müssen die erhaltenen Informationen zur korrekten Interpretation und Anwendung standardisiert werden. Das Bundesamt für Statistik steht also vor einer Mammutaufgabe, die aber essenziell für die Demokratie ist. Denn die Bevölkerung müsse sich, mithilfe dieser Daten, eine Meinung bilden können.

Am Ende fehlt es nicht an Daten.
Auch das Bundesamt für Statistik spricht sich für die Verknüpfung von Daten aus. Doch schnell wird klar, in welchem Spannungsfeld sich vor allem das BfS befindet – und mit ihm auch alle Datennachfrager. Denn das Parlament wolle, dass die Daten zentral verknüpft werden. Man könne sich als Gruppe Versicherungs-, Spital- und Forschungsvertretende nicht einfach ans BfS wenden mit einvernehmlichen Bitte, die «eigenen» Daten zu verknüpfen. Alle Daten müssten aus öffentlicher Statistik stammen, da die Verknüpfung sonst gesetzeswidrig sei. Und um alle Daten schliesslich verknüpfen zu können, reiche die Infrastruktur zur Automatisierung nicht. Am Ende sind es also nicht nur die Daten, die fehlen – sondern oft vor allem die Ressourcen.

Während der Podiumsdiskussion stellte das Publikum spannende Fragen.

Während der Podiumsdiskussion stellte das Publikum spannende Fragen.

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