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Unternehmenskrisen: Sechs Lehren aus der EM

Fussball und Unternehmertum haben Parallelen: Am Abschneiden der Schweizer Nationalmannschaft an der EM lassen sich zum Beispiel Mechanismen von Unternehmenskrisen und deren Bewältigung veranschaulichen.

Fussball Addidas auf Fussballfeld

Vor einigen Wochen ging die Fussballeuropameisterschaft zu Ende. Für die Schweizer Nationalmannschaft war sie turbulent. Und weil im Fussball Erfolg und Misserfolg einfacher sichtbar sind als im Unternehmertum, werden nachfolgend sechs Begebenheiten aus dem Turnier im Kontext von Unternehmenskrisen diskutiert.

Vorbereitung und erstes Spiel – die Krise bahnt sich an

Das Schweizer Nationalteam hatte sich hohe Ziele gesetzt. Im Vorfeld des Turniers sprachen einige Spieler davon, den Final zu erreichen. Vielversprechende Worte, die bei den Fans – quasi den Kunden der «Nati» – schon damals auf eine gewisse Skepsis stiessen. Die beim 1:1 gegen Wales im ersten Spiel gezeigte Leistung entsprach dann auch weder dieser Ankündigung noch den weniger ambitionierten Erwartungen der Fans.

Daraus ergibt sich die Lehre Nummer 1: Unternehmenskrisen sind anfänglich für Aussenstehende nur schwer erkennbar. Indizien sind aber durchaus schon früh vorhanden. Es können Verluste von Marktanteilen, zunehmende Reklamationen oder unzufriedene Mitarbeitende sein. Versprochene Leistungen werden – wie in diesem Fussballspiel – nicht eingehalten.

Zweites Spiel – die Krise ist da

Gegen den späteren Europameister Italien war die Mannschaft chancenlos und verlor 0:3. Tatsächlich fielen die Schweizer in diesem Spiel durch eine sehr hohe Passivität auf. Von Angst vor dem Gegner war die Rede. Von zu wenig Fokus auf das Spiel und zu viel Selbstdarstellung. Plötzlich standen Themen wie Frisuren und Autos, die nichts mit Fussball zu tun hatten, im Fokus der Diskussion. Die EM war bei einem grossen Teil der Fans abgehakt.

Lehre Nummer 2: Unternehmenskrisen offenbaren sich der Öffentlichkeit oft sehr spät – wenn die Liquidität fehlt, Zahlungen nicht mehr geleistet werden können oder der unmittelbare Kollaps droht. Durchaus menschlich ist dabei die oft beobachtete Suche nach Ursachen ausserhalb des eigenen Einflussgebietes. So wie sich die tadellos frisierten Schweizer Spieler von der Öffentlichkeit falsch verstanden fühlten, liegt der Grund der Krise für viele Unternehmerinnen und Unternehmer nicht im eigenen Fehlverhalten, sondern einem exogenen Einmalereignis. Deshalb ist es in dieser Phase einer Unternehmenskrise essenziell, weg von Schuldzuweisungen und hin zur Identifikation von Lösungen zu gelangen.

Drittes Spiel – den Turnaround wagen

Hohe Erwartungen existierten vor dem letzten Gruppenspiel nicht mehr. Umso beachtlicher war das Ergebnis. Eine nicht wiederzuerkennende Mannschaft zeigte sich von einer völlig anderen Seite. Die Schweizer standen doch noch im Achtelfinal.

Und genau in dieser Phase befindet sich die grosse Knacknuss in Unternehmenskrisen. Während die Nationalmannschaft das Spiel absolvieren musste, treten viele in Unternehmenskrisen involvierte Parteien – von Unternehmerinnen über Kapitalgeber, Lieferanten und Kundinnen – nicht mehr zum Spiel an. Denn noch immer weit verbreitet ist die Auffassung, dass in Krisen geratene Unternehmen zwangsläufig in Konkurs gehen werden. Dabei existieren zahlreiche Sanierungsmöglichkeiten wie beispielsweise die in unterschiedlichen Formen ausgestaltbare Nachlassstundung, um ein Unternehmen – oder Teile davon – in eine prosperierende Zukunft zu führen.

Lehre Nummer 3: Die Nationalmannschaft wusste, dass sie in dieser Situation nur noch gewinnen konnte. Der dogmatisierte Umgang mit unternehmerischem Scheitern in der Schweiz führt fälschlicherweise oft zu einem Gefühl bereits verloren zu haben. Dem sollte nicht so sein!

Viertes Spiel – die Lage stabilisieren

Nichts für sanfte Gemüter war der Achtelfinal: Auf ein frühes Führungstor folgte ein nicht verwerteter Elfmeter und zwei schnelle Gegentreffer. Doch die Mannschaft zeigte eine hervorragende Leistung, fand neue Motivation und glich in der letzten offiziellen Spielminute aus. Im Penaltyschiessen wurde die Partie schliesslich gewonnen. Die NZZ schrieb von einem Fussballwunder und dass ein Fussballspiel kaum dramatischer sein könne. Da dürfte etwas dran sein.

In Krisen geratene Unternehmen, die sich für einen Turnaround entscheiden, brauchen ein sehr hohes Engagement von allen involvierten Parteien und viel Kraft. Bereits kleinste Rückschläge können das Ende der Bemühungen bedeuten, weil keine Reserven vorhanden sind. Doch wie zahlreiche Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit zeigen, können immer wieder Unternehmen gerettet und Arbeitsplätze erhalten werden.

Lehre Nummer 4: Voraussetzung für einen langfristigen Erfolg eines Turnarounds ist, dass alle involvierten Parteien auf das gleiche Ziel hinarbeiten. Die Nationalmannschaft hat dies mit einer engagierten Rückkehr ins Spiel unter Beweis gestellt, indem die Spieler als Team und nicht als Individualisten auftraten.

Fünftes Spiel – Die Erwartungen übertroffen

Im Viertelfinal unterlag die Schweiz Spanien nur knapp im Elfmeterschiessen. Dabei darf nicht vergessen gehen, dass die Mannschaft nach einem umstrittenen Platzverweis während rund 45 Minuten in Unterzahl spielte und der Gegner dennoch kein Tor erzielen konnte.

Unabhängig davon, ob ein Unternehmen in einer Krise steckt, sich davon erholt hat oder weit von einer Krise entfernt ist: Eine Abhängigkeit von Externalitäten besteht immer. Und so können Situationen entstehen, die als nicht gerecht empfunden werden. Im Fussball mag es ein Entscheid des Unparteiischen sein, im Unternehmertum eine Absage für die beste aller eingereichten Offerten. Entscheidend ist, sich möglichst schnell auf die neue Situation einzulassen, um mit den daraus resultierenden Auswirkungen klar zu kommen.

Der Schweizer Nationalmannschaft ist dies gelungen und sie hat in den Augen vieler Fans in diesem Spiel mehr erreicht als einen Sieg: Sie zeigte Charakter. Den Charakter, der anfänglich vermisst wurde. Und so ist die Mannschaft auch ihren Fans gerecht geworden. Sie zeigte, was diese sehen wollten: spannende Spiele, einen (nach anfänglichen Schwierigkeiten) guten Einsatz und einen ausgeprägten Teamgeist. Mit dem Einzug in den Final hatten die Fans ja ohnehin nicht gerechnet.

Lektion Nummer 5: Auch für Unternehmen gilt, dass sie sich auf die Erwartungen ihrer Kundinnen und Kunden fokussieren müssen. Es gibt immer einen noch grösseren Markt, einen profitableren Markt, ein spannenderes Produkt. Mit dem Fokus auf die eigenen Kompetenzen und der Ausrichtung auf die Erwartungen der eigenen Kundenbasis ist eine strategische Positionierung möglich, die eine Unternehmenskrise in der Regel verhindert.

Epilog – Wie geht es weiter?

Vor Kurzem wurde bekannt, dass der Nationaltrainer sein Amt frühzeitig abgibt und eine neue Herausforderung in Frankreich antritt. Dieser Abgang mag irritieren. Dabei bleibt aber unbeachtet, dass der Trainer in einem Team zwar eine wichtige Rolle einnimmt, die Leistung auf dem Platz aber auch von den Spielern kommen muss. Und so darf zu Recht erwartet werden, dass diese Mannschaft das existierende Momentum auch mit einem neuen Trainer fortführen kann.

Lektion Nummer 6: Das ist auch bei Unternehmen der Fall. Zwar stehen die Führungspersonen viel stärker im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Für Erfolg im Unternehmen braucht es aber ein Zusammenspiel von Führungsebene und Mitarbeitenden. Sind sich alle ihrer jeweiligen Aufgabe, ihrer persönlichen Verantwortung und individuellen Bedeutung bewusst, können in krisengeschüttelten Unternehmen auch beim Abgang von Schlüsselfiguren langfristig nachhaltige Leistungen erbracht werden.

Weiterbildung zum Thema: Zweitagesseminar «Unternehmensrestrukturierung» vom 7./8. September 2021

Mehr über die Bewältigung von Unternehmenskrisen können Interessierte im Zweitagesseminar Unternehmensrestrukturierung erfahren. Es findet am 7. und 8. September 2021 in Zürich statt. Die Teilnehmenden werden im Kurs befähigt, Herausforderungen in unternehmerischen Spezialsituationen zu meistern. Sie können strategische und finanzielle Krisen erkennen und abwenden und sind mit den Fallstricken bei der Restrukturierung eines Unternehmens vertraut. Das Seminar rüstet sie zudem mit den nötigen Werkzeugen aus, um den Herausforderungen, die durch die Coronakrise ausgelöst wurden, zielgerichtet zu begegnen. Der Stoff wird anhand einer Fallstudie vermittelt.

Weitere Informationen zum Seminar findet man unter diesem Link..