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Teure Medikamente – ein unanständiges Angebot?

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Der WIG-Herbstanlass zum Thema Medikamentepreise stiess auf grosses Publikumsinteresse.

Schätzungsweise 80‘000 Personen in der Schweiz sind mit Hepatitis C infiziert; Aussicht auf nachhaltige Heilung gab es bis vor kurzem kaum. Mit dem neuen Medikament Sovaldi ist der US-Firma Gilead ein Durchbruch in der Behandlung der schweren Infektionskrankheit gelungen. Doch die Therapie ist teuer: 60‘000 Franken pro Patient kosten die drei Packungen des Medikaments, die dafür nötig sind. Seit dem 1. August 2014 muss Sovaldi in der Schweiz auch in der Grundversicherung von der Krankenkasse bezahlt werden – allerdings nur bei Patienten mit bereits fortgeschrittenen Leberschäden oder anderen schwerwiegenden Krankheitssymptomen. Ist der hohe Preis des Medikaments gerechtfertigt? Und ist die Einschränkung des Medikaments auf bereits schwer erkrankte Patienten medizinisch und ethisch vertretbar? Diese und weitere Fragen diskutierten fünf Experten am Herbstanlass des Winterthurer Instituts für Gesundheitsökonomie (WIG).

Ungleiche Behandlung

«Nein», findet Nationalrätin Margrit Kessler. Die Präsidentin der Schweizerischen Stiftung für Patientenschutz hält den Preis für übertrieben, ja geradezu unanständig. Er führe zu Rationierung und einer ungleichen Behandlung der Patienten. «Indirekt verordnet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) einer drogenabhängigen Person, die an einer Leberzirrhose leidet, das Medikament Sovaldi», schreibt Kessler in einem Kommentar in der Neuen Zürcher Zeitung. «Eine Pflegefachfrau, die sich an ihrem Arbeitsplatz mit einer infizierten Spritze angesteckt habe, erhält Sovaldi hingegen nicht, da sie noch nicht an einer Leberzirrhose erkrankt ist.»

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(vlnr) Gesundheitsökonom Urs Brügger (Leiter WIG), Hepatitis-Spezialist Philip Brüggmann, Patientenschützerin Margrit Kessler, Pharmavertreter André Lüscher (Gilead Schweiz) und Medizinethiker Markus Zimmermann diskutierten über den hohen Preis des Medikaments Sovaldi.

Hohes finanzielles Risiko

Könnten alle Patienten behandelt werden, würde das Medikament Hepatitis C nachhaltig eindämmen, sagt der Spezialist Dr. Philip Bruggmann, Chefarzt für innere Medizin bei Arud, Zentren für Suchtmedizin. «Das Medikament ist sehr gut, doch der hohe Preis ist ein Problem», so Bruggmann. «Weil es nicht flächendeckend abgegeben werden kann, bleibt der Kohorteneffekt aus.» Die Kritik am hohen Preis will der Hersteller aber nicht gelten lassen. «Im Vergleich zu anderen Behandlungsmethoden, wie etwa einer Lebertransplantation, sind die Kosten immer noch gering», erklärt André Lüscher, General Manager von Gilead Schweiz. Ausserdem sei das Unternehmen mit der Akquisition der Firma, die Sovaldi entwickelt hatte, ein hohes finanzielles Risiko eingegangen, weil es damals noch nicht sicher war, ob das Medikament ein Markterfolg werden würde. Zudem könnten die Kosten für die Forschung nur über einen kurzen Zeitraum amortisiert werden, bis Generika oder Konkurrenzmedikamente auf den Markt gelangen.

Hart an der Schmerzgrenze

Obwohl die Wirkung des Medikaments unbestritten sei, findet Urs Brügger, Leiter des WIG den Preis «hart an der Schmerzgrenze kalkuliert.» Beim sogenannten Value-based pricing wird ein Medikament zum höchstmöglichen Preis angeboten, der sich aufgrund des Patientennutzens rechtfertigen lässt. Der potenzielle Budget-Impact gerade dieses Medikamentes Sovaldi auf das Gesundheitswesen sei beträchtlich, da ein Prozent der Bevölkerung von Hepatitis C betroffen ist. Laut dem BAG belaufen sich die Behandlungskosten alleine für die rund 1500 Personen, die pro Jahr in der in der obligatorischen Grundversicherung vom Medikament profitieren werden, auf 85 Millionen Franken. «Medikamentenkosten dürfen nicht mit Systemkosten verwechselt werden», entgegnet André Lüscher von Gilead.

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Der Anlass des WIG gibt Denkanstösse für eine öffentliche Debatte zur Preis- und Verteilungsgerechtigkeit bei Medikamenten.

 

Öffentliche Debatte

«Aus ethischer Sicht geht es hier um Preis- und Verteilungsgerechtigkeit», sagt der Medizin-Ethiker Dr. Markus Zimmermann von der Universität Fribourg. Im Fall von Sovaldi hält auch er den Preis für übertrieben, doch hätten ethische Überlegungen kaum Einfluss auf die Preisgestaltung. Auch die Experten am WIG-Herbstanlass finden keine abschliessenden Antworten auf die gestellten Fragen. «Zu diesem kontroversen und vielschichtigen Thema braucht es eine öffentliche Debatte», fordert Urs Brügger. Mit interessanten Denkanstössen hat die Diskussionsrunde des Winterthurer Instituts für Gesundheitsökonomie einen Teil dazu beigetragen.

Auskunft: Urs Brügger, Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie

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