Vielseitige Unternehmerin mit sozialer Ader

Für den SML Alumni-Award war sie zwar nicht nominiert, doch sonst ist Andreia Fernandes auf der Erfolgsspur. Die SML-Absolventin ist Unternehmerin, Dozentin, Geschäftsführerin und Vorstandsmitglied.

Wer das Linkedin-Profil von Andreia Fernandes besucht, fragt sich vielleicht, wie sie all ihre Aktivitäten bewältigt. Schläft sie nur drei Stunden pro Nacht? Die junge Frau winkt ab: «Eine solche Portfoliokarriere war immer mein Ziel», verrät sie. Andreia Fernandes sucht nach Herausforderungen und folgt ihren Leidenschaften. «Job und Freizeit fliessen bei mir ineinander. Aber ich muss schon aufpassen, dass ich nicht zu viel arbeite.» So ist sie auch konsequent, wenn es mal nicht mehr passt: «Ich gebe die Geschäftsführung der Stiftung Medica Mondiale Switzerland Ende Jahr ab. Es war eine tolle Zeit und ich habe viel Aufbauarbeit geleistet. Jetzt braucht es aber jemanden mit einem anderen Profil.» Zudem entwickelt sich ihr Beratungsunternehmen Seabrand International erfreulich. «Es war von Anfang an mein Ziel, hauptsächlich als Consultant tätig zu sein. Es ging jetzt aber alles schneller, als ich dachte».

Horizonterweiterung im Studium
Alle Funktionen haben ihre Besonderheiten. Kann Andreia Fernandes die spezifischen Erfahrungen bei ihren übrigen Tätigkeiten nutzen? «Das geht nie 1:1. Es gibt aber viele Elemente, die man übertragen kann. So etwa bei Entscheidungen in Leitungsgremien. Auch branchenübergreifende Erkenntnisse wie im Marketing sind nützlich.» Die Basis für ihre vielseitigen Erfahrungen und Kompetenzen hat sie 2010 mit dem Bachelor in International Management gelegt. «Ich wollte nicht nur BWL studieren und das Interkulturelle hat mich angesprochen. Zudem konnte ich ein Jahr im Ausland studieren und meinen Horizont erweitern.» Den Austausch absolvierte sie in Israel, während dort grosse Spannungen herrschten. Ihre Wohnung teilte sie mit einer Palästinenserin und so machte sie sich mit beiden Perspektiven vertraut. «Es war eine intensive, emotional anstrengende Zeit. Prägend war es zu sehen, wie unterschiedlich die Medien in Israel und im Ausland über Vorkommnisse berichtet haben.»

Den Grundstein für ihre Karriere legte Andreia Fernandes mit dem Bachelor in International Management an der SML.

Den Grundstein für ihre Karriere legte Andreia Fernandes mit dem Bachelor in International Management an der SML.

Input vor Ort holen
Als Consultant berät die SML-Alumna Unternehmen bei Strategie, internationaler Zusammenarbeit, Teambuilding und Marketing. Ihre Kunden sind Startups aber auch grosse Unternehmen. «Es ist spannend, wie grosse Firmen unter dem Stichwort Intrapreneurship den Startup-Spirit nutzen wollen. Es geht vor allem um die Schnelligkeit, mit der man Produkte und Dienstleistungen entwickelt und am Markt positioniert.» Dabei gilt es immer, die richtige Balance zwischen Bürokratie und Chaos zu finden. Jede Firma ist anders, bedingt durch ihre einzigartige Kultur, Produkte oder Dienstleistungen: «Ich kann eine Tanzschule nicht gleich beraten wie eine Medizinaltechnikfirma.» Trotzdem gebe es Parallelen und universelle Regeln, insbesondere im zwischenmenschlichen Bereich. «Spannend sind jeweils die Verhältnisse der Mitarbeitenden sowie der Abteilungen untereinander.» Um diese zu spüren und sich in Aufträge einzuarbeiten, sei es wichtig, viel Zeit in den Firmen zu verbringen und mit verschiedenen Personen zu sprechen. «Je mehr Input ich bekomme, desto besser. Wenn möglich richte ich mir vor Ort ein temporäres Büro ein.» Ihr spannendster Auftrag bisher? Für eine Spitalkette hat sie als «Mystery-Patientin» zwei Krankenhäuser besucht. «Es war interessant, wie unterschiedlich die Dienstleistungen waren sowie die Behandlungen, die mir empfohlen wurden.»

Handtaschen aus unbenutzten BH: Andreia Fernandes glaubt an Sexy Little Bag und das Upcycling-Konzept.

Handtaschen aus unbenutzten BH: Andreia Fernandes glaubt an Sexy Little Bag und das Upcycling-Konzept.

Businessmodell «Upcycling»
Seit Anfang Jahr führt Andreia Fernandes ausserdem das Startup Sexy Little Bag, das aus unbenutzten BH gefertigte Handtaschen verkauft. Wie kam es dazu? «Die Idee trage ich schon lange mit mir rum, denn bis zu 80 Prozent aller BH sind Fehlkäufe. Der Businessplan hat sich über Jahre entwickelt.» Sie befragte Familie und Freunde und suchte geeignete Partner für die Produktion, was eine echte Knacknuss war. Anfang 2016 wagte sie den Launch mit eigenem Webshop. Bisher finanziert sie alles selbst («Bootstrapping»). Wäre ein Crowdfunding keine Möglichkeit, wie es Alumni-Award-Preisträger Nicolas Huxley erfolgreich getan hat? «Was mich und Nick unterscheidet ist, dass er von Anfang an alles auf eine Karte setzte. Für mich begann es als Liebhaberprojekt. Zudem ist mein Produkt schwieriger, weil alles Unikate sind, die ich einzeln im Webshop erfassen muss.» Aber kann ein Startup Erfolg haben, ohne dass man 100 Prozent gibt? «Gerade ganz am Anfang kann man das gar nicht. Meist gibt es noch nicht genug zu tun oder das Risiko ist zu hoch. Zunächst muss man Marktstudien machen, Daten pivotieren und prüfen, ob das Geschäftsmodell erfolgsversprechend ist.» Für die Zukunft von Sexy Little Bag ist sie zuversichtlich: «Es gibt jetzt schon Phasen, wo mich das Startup zu 100 Prozent beansprucht. Da ich selbständig bin, kann ich das noch managen. Ich hoffe aber, dass ich bald jemanden für die Geschäftsführung finde und nicht mehr alles selber machen muss.»

Vielfältige Blicke auf das Unternehmertum
Andreia Fernandes kennt die Rahmenbedingungen für Startups auch als Beraterin und Investorin bestens. Wie beurteilt sie die Startup-Kultur in der Schweiz? «Naja», lautet ihre knappe Antwort. Vieles entwickle sich zwar positiv, doch sie sieht zwei schwerwiegende Defizite: «Die Angst vor dem Scheitern ist gross hierzulande. Zudem wird Erfolg sehr ambitioniert definiert: Mit wurde gesagt, wenn ich mit Sexy Little Bags keine halbe Million Umsatz mache, solle ich es bleiben lassen.»

Die ZHAW unternimmt unter dem Label entrepreneurship@ZHAW jedenfalls einiges, um Unternehmertum zu fördern. «Diese Angebote hätte ich sofort genutzt. Es gab sie damals aber noch nicht.» Sie wünscht sich, dass Hochschulen ihre Studierende dazu ermutigen, Risiken einzugehen und ihnen dieses «Mindset» vermitteln. «Scheitern ist eine Option und man muss den Jungen die Angst davor nehmen.» Es sei es aber keine Frage des Alters, sondern der Einstellung, ob man das Risiko eingehe.

Ein prägendes Erelebnis für Andreia Fernandes war ihr humanitärer Einsatz in Idomeni.

Ein prägendes Erelebnis für Andreia Fernandes war ihr humanitärer Einsatz in Idomeni.

Humanitäres Engagement
Die interkulturellen Kompetenzen, die Andreia Fernandes im Studium entwickelt hat, kommen ihr nicht nur im Berufsumfeld zu Gute. Anfang 2016 arbeitete sie zwei Wochen unter prekären Bedingungen im Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. «Wir haben täglich 2400 Mahlzeiten im Akkord produziert. Unser einziges Ziel war es, dass diese Menschen zu essen haben. Ich dachte mir oft, wenn Firmen bei ihren Mitarbeitenden nur einen Teil der Energie mobilisieren könnten, die wir 20 Personen aus 15 Ländern, die sich zuvor nicht kannten, aufgebracht haben, dann würde vieles besser laufen.»

Es sei auch wichtig, die Hintergründe der Krise zu verstehen. Dazu habe sie im Studium viel gelernt, vor allem bei Petra Barthelmess. «Sie hat uns Zusammenhänge aufgezeigt und gelehrt, die richtigen Fragen zu stellen.» Der Aufenthalt in Idomeni war jedenfalls prägend für Andreia Fernandes: «Ich fühle mich sehr privilegiert und möchte mir das immer wieder in Erinnerung rufen. Oft entscheidet sehr wenig über Erfolg oder Misserfolg, Glück oder Unglück.» Diese Haltung möchte sie auch anderen vermitteln, weshalb ein Buchprojekt zu ihren grossen Zielen zählt: «Ich möchte Menschen inspirieren und ermutigen, ihre Eigenverantwortung wahrzunehmen und mehr zu tun.»

Auskunft: Andreia Fernandes, Seabrand International

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