Public Affairs in der Versicherungsbranche

Der Begriff Lobbying ist in der Schweiz mediengetrieben vielfach negativ konnotiert und wird mit Intransparenz gleichgesetzt. Was aber dahinter steckt und weshalb die Lobbyisten nur selten in Bern sind, erklärten zwei Public Affairs-Vertreter den Studierenden im Bereich Risk & Insurance an der ZHAW School of Management and Law.

Dieter Geering, Senior Public Policy Manager der Zürich Versicherungsgesellschaft, geht auf die Fragen rund um Public Affairs der Studierenden ein.

Dieter Geering, Senior Public Policy Manager der Zürich Versicherungsgesellschaft, geht auf die Fragen rund um Public Affairs der Studierenden ein.

Im Rahmen der Vorlesung Einführung Risk & Insurance lernen die Bachelorstudierenden die Bedeutung und Funktionsweise eines Versicherungsunternehmens in seinem Umfeld kennen. Es geht dabei vor allem darum, die Spannungsfelder und Interaktion zwischen Unternehmen und ihren vielfältigen Anspruchsgruppen zu verstehen. Für die Versicherungsindustrie ist insbesondere die Beziehung zum Staat von zentraler Bedeutung, da es sich aufgrund des Geschäftsmodells um eine der stärksten regulierten Branchen in der Schweiz handelt.

Schnittstelle zwischen Versicherung und Umwelt
Je stärker eine Branche reguliert wird, desto stärker versuchen ihre Exponenten deren Anliegen und Interessen in den politischen Prozess einzubringen. In der Welt vor der Globalisierung erfolgte dies häufig durch Persönlichkeiten, die in Wirtschaft, Politik – und insbesondere in der Schweiz – auch im Militär über verantwortungsvolle Aufgaben verfügten. Durch die Globalisierung und verstärkte Professionalisierung der Aufgabenfelder von Wirtschaft und Gesellschaft löste sich diese personelle Vernetzung zusehends auf. So kommen heute beispielsweise CEOs in die Schweiz, die über keine lokalen Netzwerke verfügen. Speziell in der Schweiz haben in den vergangenen 10 bis 15 Jahren vermehrt Public Affairs-Abteilungen diese Schnittstellenfunktion übernommen. Dieter Geering, Senior Public Policy Manager und Pirmin Meyer, Head Public Affairs bei der Zurich Versicherungs-Gesellschaft gaben im Rahmen eines Gastreferates den Studierenden im Bereich Risk & Insurance einen Einblick in die aktuellen Herausforderungen und die Praxis von Public Affairs.

Breite Themenvielfalt
Die Referenten zeigten auf, welchen Einfluss veränderte Rahmenbedingungen für eine Versicherungsgesellschaft haben und wie ein Unternehmen – speziell die Zürich als internationaler Konzern mit Hauptsitz in der Schweiz – davon betroffen sein kann. Als zentrale Herausforderung nannten sie unter anderem die Beziehung Schweiz-EU, die Unternehmenssteuerreform, die versicherungsspezifische Gesetzgebung (wie das Versicherungsvertragsgesetz) oder auch die jüngst im Parlament verabschiedete Vorlage zur Altersreform 2020. «Manchmal sind es auch ganz lokale Gegebenheiten, wie beispielsweise der Vorstoss im Kanton Obwalden für eine Steuer auf Versicherungsprämien aufgrund von Massnahmen gegen Naturgefahren, die eine Antwort erfordern», erläuterte Pirmin Meyer. Bei diesen Fragen gehe es aus einer Public Affairs-Perspektive zunächst darum, für das Unternehmen zu klären, wie es sich positionieren möchte. Der nächste Schritt beinhalte vielfach die Koordination mit dem Schweizerischen Versicherungsverband (SVV), bevor dann mit geeigneten Mitteln die entsprechenden Massnahmen ergriffen würden. Diese umfassen neben der Interessenvertretung auch Beratung und Unterstützung sowie die Vernetzung und Kontaktpflege.

Langfristige Perspektive
In ihren Ausführungen gingen die beiden Referenten auch auf den Lebenszyklus von politischen und regulatorischen Vorlagen ein. Dabei hoben sie hervor, dass die Public Affairs-Aktivitäten unter einer langfristigen Optik zu verstehen sind. Dem Ansatz des Risk Managements folgend werden Issues beobachtet und deren Einflusspotenzial abgeschätzt. So ist es der Ansatz der Zürich, möglichst früh im politischen Prozess Einfluss zu nehmen und beispielsweise bei einem Gesetzesentwurf aktiv mitzuarbeiten. Bei diesem Prozess geht es vor allem darum, das Expertenwissen der Branche einzubringen – übersetzt in eine politische Sprache, die breit verständlich ist. «In der Wandelhalle ist es in der Regel zu spät», sagte Dieter Geering.

Studierende "twittern" Kernbotschaften zur Altersreform 2020.

Studierende “twittern” Kernbotschaften zur Altersreform 2020.

140 Zeichen für die Altersreform
Zum Schluss des Gastreferates gingen die beiden Public Affairs-Vertreter auf die jüngsten Entwicklungen im Zusammenhang mit der Altersreform 2020 ein, welche Mitte März in der Frühjahrssession verabschiedet wurde und im September dem Volk zur Abstimmung vorgelegt wird. Sie führten mit den Studierenden einen Workshop durch und erteilten die Aufgabe, Tweets aus Sicht der vier Bundesratsparteien zu verfassen. Die Herausforderung bestand darin, die Kernforderung eines komplexen Regelwerkes in 140 Zeichen zusammenzufassen. Wie andere Beispiele zeigen, ist Twitter offensichtlich die neue Plattform der Politik – ob sie zu #RentenderZukunftsichern führt, wird sich weisen.

Auskunft: Matthias Erny, Zentrum für Risk & Insurance

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