Finance Circle: Entscheidungsprozess in der privaten Vorsorge

Warum sparen wir nicht gerne für das Alter? Antworten auf diese und weitere Fragen im Zusammenhang mit der privaten Altersvorsorge liefert die jüngste Studie «Entscheidungsverhalten in der privaten Altersvorsorge» der ZHAW School of Management and Law im Auftrag des Zürcher Bankenverbands.

«Eine Senkung des Umwandlungssatzes von 30 Prozent ist kein Feintuning mehr, sondern ein Turnaround», sagt Daniel Greber in seiner Einführung.

«Eine Senkung des Umwandlungssatzes von 30 Prozent ist kein Feintuning mehr, sondern ein Turnaround», sagt Daniel Greber in seiner Einführung.

233 Bank- und Versicherungsfachleute waren am 29. Februar an die PH Zürich gekommen, um die Studienergebnisse und Handlungsempfehlungen für die Vorsorgeberatung zu erfahren und zu diskutieren. Daniel Greber, Leiter des Zentrums für Risk & Insurance (ZRI), wies in seiner Einleitung vor dem Hintergrund der Altersreform 2020 darauf hin, dass die Renten aus der 2. Säule sinken werden. Grosse Pensionskasse wie die BVK hätten bereits den Umwandlungssatz von 6,8 auf 4,8 Prozent gesenkt. «Eine Senkung von 30 Prozent ist kein Feintuning mehr, sondern ein Turnaround», sagte Daniel Greber. «Die Probleme der Pensionskassen liegen bei der Zinssituation, es besteht ein regelrechter Anlagenotstand.» Die Sollrendite von 2,5 bis 3 Prozent könne ohne zusätzliche Anlagerisiken nicht erreicht werden. «Die Lebenserwartung steigt, die Pensionskassen müssen ihre versicherungstechnischen Rückstellungen vergrössern und haben weniger freie Mittel», sagt Greber. Versicherte müssten daher den Gürtel enger schnallen, oder frühzeitig auf die private Vorsorge setzen.

40 Prozent brechen den Prozess ab
Genau dies tun aber 40 Prozent der Deutschschweizer Bevölkerung bisher noch nicht, wie die repräsentative Studie bei über 1000 Personen zeigt. «Verhaltenspsychologische Hürden wie Trägheit, Altersaversion, Gegenwartspräferenz oder Angst vor Komplexität hindern sie daran, den Vorsorgeprozess zu Ende zu führen», sagt Co-Autor Dr. Pirmin Mussak vom ZRI. 5,6 Prozent der Befragten (Desinteressierte) haben gar keinen Anreiz, sich mit der privaten Altersvorsorge auseinanderzusetzen. 22,7 Prozent (Orientierungslose) analysieren zwar ihre persönliche Situation, sind aber von der Vielfalt der Möglichkeiten abgeschreckt und 13,2 Prozent (Zuwartende) scheitern an der Evaluation von Vorsorgeprodukten. Lediglich 58,5 Prozent der Befragten (Handelnde) erreichen ihr individuelles Vorsorgeziel.

«Es fällt auf, dass das Wissen mit dem Alter nicht ansteigt», sagt Pirmin Mussak. «Die grösste Wissenslücke besteht im Bereich der zweiten Säule.»

«Es fällt auf, dass das Wissen mit dem Alter nicht ansteigt», sagt Pirmin Mussak. «Die grösste Wissenslücke besteht im Bereich der zweiten Säule.»

Wer sich mit der privaten Altersvorsorge befasst, gibt als häufigsten Grund die Steuerersparnis an (33%), gefolgt von der Befürchtung, dass die 1. und 2. Säule nicht zur Aufrechterhaltung des Lebensstandards im Alter ausreichen werden (29%). Gegen eine 3. Säule sprechen zu geringe finanzielle Mittel (55%), die Bewahrung der finanziellen Flexibilität (13%), der weite Planungshorizont (12%) sowie fehlendes Vertrauen in Banken und Versicherungen (5%). Das Vertrauen in die 1. und 2. Säule ist bei 38,5 Prozent kaum oder gar nicht vorhanden – je jünger die Befragten sind, desto kritischer urteilen sie.

Wissenslücke bei der 2. Säule
Für die wichtigsten Informationsquellen halten die meisten Befragten die eigene Pensionskasse (71%) sowie die eigenen Bank- und Versicherungsberater (64%). Ob sie sich aber tatsächlich informieren, bleibt fraglich, da 23 Prozent angeben, weder von einer Bank noch von einer Versicherung auf die Altersvorsorge angesprochen worden zu sein. Fragen zum Finanz- und Vorsorgewissen wurden mit durchschnittlich 68 Prozent richtig beantwortet. «Es fällt auf, dass das Wissen mit dem Alter nicht ansteigt», so Pirmin Mussak. «Die grösste Wissenslücke besteht im Bereich der zweiten Säule.» Weiter zeigt die Studie, dass sich Frauen tendenziell weniger mit der privaten Altersvorsorge beschäftigen.

Emotionale Verknüpfung zum «Renten-Ich»

«Es braucht eine Verknüpfung zwischen Jetzt und dem Renten-Ich», sagt Larissa Marti.

«Es braucht eine Verknüpfung zwischen Jetzt und dem Renten-Ich», sagt Larissa Marti.

Co-Autorin Larissa Marti vom Institut für Wealth & Asset Management zeigte auf, welche Faktoren einen Einfluss auf den Entscheidungsprozess der privaten Altersvorsorge haben: «Mangelndes Wissen ist der Hauptgrund für fehlendes Interesse an der privaten Vorsorge.» Es zeige sich aber, dass die Motivation mit dem Alter zunimmt. Über die Altersklassen hinweg, setzten sich die 55-59-jährigen am stärksten mit der Rentensituation auseinander. Dies erstaunt wenig: Bei dieser Altersklasse setzen auch viele Banken und Versicherungen den Fokus in Sachen Vorsorgeberatung. «Eine erfolgreiche Vorsorgeplanung muss jedoch unbedingt schon früher vorgenommen werden», sagt Larissa Marti. «Es gilt somit die Motivation bei den jüngeren Kunden zu fördern.»

In erster Linie müsse dies in der Vorsorgeberatung über Emotionalisierung geschehen. «Es braucht eine Verknüpfung zwischen Jetzt und dem Renten-Ich», sagt Larissa Marti. «Wichtige Lebensereignisse wie die Gründung einer Familie oder der Bau eines Eigenheims können positive Anreize sein, sich bereits früher mit der Vorsorge auseinanderzusetzen.» Durch Simulationen in Smartphone-Apps oder Online-Portalen können das Wissen und damit auch die Motivation erhöht werden. «Im persönlichen Gespräch müssen Berater über die Methodenkompetenz bei der Anwendung solcher Tools, die nötige Fachkompetenz zur kompetenten Information sowie über die Sozialkompetenz zur Emotionalisierung des Themas verfügen», so Marti.

Konsum vs. Vorsorge

In der Podiumsdiskussion im Anschluss an die Ergebnispräsentation zeigte sich, dass sich Banken und Versicherungen der Problematik bewusst sind, und die Handlungsempfehlungen bereits teilweise umsetzen.

In der Podiumsdiskussion im Anschluss an die Ergebnispräsentation zeigte sich, dass sich Banken und Versicherungen der Problematik bewusst sind, und die Handlungsempfehlungen bereits teilweise umsetzen.

In der Podiumsdiskussion im Anschluss an die Ergebnispräsentation zeigte sich, dass sich Banken und Versicherungen der Problematik bewusst sind, und die Handlungsempfehlungen bereits teilweise umsetzen. «Am meisten erstaunt mich, dass 55 Prozent der Befragten angeben, kein Geld für die private Vorsorge übrig zu haben», sagte Annette Behringer, Leiterin Finanzplanung bei Swiss Life. «Der grösste Konkurrent der Vorsorge ist also der Konsum. Wir müssen in der Beratung ein Bewusstsein für die Altersvorsorge schaffen.» Ähnlich sieht das auch Peter Luginbühl, Marktgebietsleiter Private Banking Zürichsee bei der ZKB. «Der Leidensdruck war bisher noch zu gering. Die Vorsorge ist ein Verdrängungsthema, weil sich viele Menschen mit Alter und Tod nicht auseinandersetzen wollen.» Umso wichtiger sei deshalb eine umfassende Beratung durch gut ausgebildete Finanzcoaches.

Zur Studie

Auskunft: Pirmin Mussak, Zentrum für Risk & Insurance

233 Bank- und Versicherungsfachleute waren am 29. Februar an die PH Zürich gekommen, um die Studienergebnisse und Handlungsempfehlungen für die Vorsorgeberatung zu erfahren und zu diskutieren.

233 Bank- und Versicherungsfachleute waren am 29. Februar an die PH Zürich gekommen, um die Studienergebnisse und Handlungsempfehlungen für die Vorsorgeberatung zu erfahren und zu diskutieren.

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