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Litigation-PR-Tagung 2020: Die Macht des Bildes

Nach einer Verschiebung vom April in den November, aufgrund der aktuellen Pandemie-Situation, fand die 5. Litigation-PR-Tagung als rein digitale Veranstaltung statt. Dieser Herausforderung stellten sich unter anderem Thomas Middelhoff, Patrizia Laeri, Christopher Hauss und Dirk von Manikowsky.

Patrick_Krauskopf

Mit einem Rückblick über die vergangenen Tagungen eröffnete Patrick Krauskopf die 5. Litigation-PR-Tagung. Bereits 2015 habe die ZHAW SML erkannt, wie wichtig das Thema «Litigation-PR» für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sei und dass es hierfür einen Raum für Diskussionen und neue Ideen brauche. Mit dieser Grundidee konnte die ZHAW SML in den vergangenen Jahren gut 100 Expertinnen und Experten und fast 750 Teilnehmende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an einer der Tagungen willkommen heissen. Aufbauend auf diesem Erfolg werde die ZHAW SML zum einen die fachliche Kompetenz im Bereich der Litigation-PR mit der Entwicklung von Weiterbildungsangeboten erweitern. Zum anderen mehr interdisziplinäre und transnationale Forschungsprojekte durchführen und leiten, um wichtige Fragen für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik im Bereich Litigation-PR zu diskutieren.

Patrizia Laeri: «SNB, Zalando und die Zukunft des Wirtschaftsjournalismus»

Als erste Key-Note-Speakerin diskutierte die Wirtschaftsjournalistin Patrizia Laeri gemeinsam mit Patrick Krauskopf aktuelle Themen und Herausforderungen. In Bezug auf den Stand des Wirtschaftsjournalismus bestehe aktuell die paradoxe Lage, «dass die Nachfrage nach Content hoch ist, während einerseits die Werbebudgets sinken, aber andererseits die Bereitschaft, für Content zu bezahlen, nur langsam steigt.» Anschliessend legte sie dar, wie sich Ihre Recherchen und die Berichterstattung rund um die Schweizerische Nationalbank bezüglich der Benachteiligung von Frauen entwickelt hatte. Dabei stellte sie klar, dass gerade die Kommunikationsverweigerung der SNB letztlich die negative Berichterstattung begünstigten würde, da ja deren Position gar nicht sichtbar gemacht werden könne. Das Gegenbeispiel dazu war für Patrizia Laeri der Fall Zalando, wo schliesslich seitens des Unternehmens der Austausch gesucht wurde. Sie rät Unternehmen wie Behörden immer auf Journalistinnen und Journalisten aktiv zu zugehen, «einfach mal zuhören, und den anderen Standpunkt wahrnehmen».

Key-Note von Patrizia Laeri: Link zum Video-Mitschnitt auf YouTube

Patrick Guidon und Martin Steltner: «Litigation-PR aus Sicht der Staatsanwaltschaft und des Gerichts»

Anschliessend diskutierte Sarah Fürlinger mit dem Kantonsrichter und Präsidenten der Schweizerischen Vereinigung der Richterinnen und Richter (SVR-ASM), Prof. Dr. Patrick Guidon, und dem Oberstaatsanwalt und Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Berlin, Martin Steltner, die Perspektive der Justiz auf aktuelle Entwicklungen in der Rechtskommunikation. Die zentrale Frage des Gesprächs war, ob die Justiz, Angesicht der Veränderungen in den Medien und der steigenden Zahl von Beeinflussungsversuchen über Miss- und Desinformationskampagnen, selbst aktiver kommunizieren müsse.

Herr Steltner ist der Meinung, dass sich hier die Situation in den letzten Jahren verändert habe. Heute werde erwartet, dass die Justiz aktiver kommuniziere. Er riet dabei, den konkreten Fall als «Informationsanker» zu nutzen, um Informationen über die Rechtslage zu kommunizieren und dabei die «Kenntnisse der Medien und der Öffentlichkeit zu rechtlichen Angelegenheiten zu schärfen».

Auch Herr Guidon ist dieser Meinung und legte dabei die Massnahmen des Kantonsgerichts St. Gallen dar, das die eigenen Urteile und seine Tätigkeit selbst aktiver gegenüber der Öffentlichkeit kommuniziert und verständlich  macht. In Bezug auf eine mögliche Beeinflussung riet Herr Guidon, dass man sich als Richterin, als Richter, mit den «äusseren Einflüssen, denen man unterliegt, auseinandersetzen, sich diese bewusst vor Augen führen und sich damit beschäftigen» solle. Denn allein schon die Auseinandersetzung mit dem Thema habe eine präventive Wirkung.

Diskussion mit Patrick Guidon und Martin Steltner, Moderation von Sarah Fürlinger: Link zum Video-Mitschnitt auf YouTube

Christopher Hauss: «Klageindustrie vs. Unternehmen – Neue Kommunikation in Massenverfahren»

Der sogenannte «Dieselskandal» mit seinen hunderttausenden von Klagen hat in Deutschland und auch in Teilen Europas zu einer Goldgräberstimmung bei Klägerkanzleien geführt: Es ist eine Klageindustrie entstanden. In seinem Referat zeigte Christopher Hauss, Jurist und Sprecher Litigation Communications Volkswagen AG, wie Unternehmen ihre eigene Kommunikationsstrategie entsprechend anpassen müssen, um den einseitigen Werbeversprechen der Klageindustrie etwas entgegen zu setzen. Die hochspezialisierten Kanzleien suchen über Werbemassnahmen in den sozialen Netzwerken oder indem sie Datenbanken von Vergleichsportalen nutzen gezielt und aggressiv nach Mandanten. Über teils geringe Gewinnchancen wird dabei nicht oder nicht ausreichend aufgeklärt. Volkswagen habe darauf reagierte und selbst wieder eine aktive Kommunikationsrolle übernommen, zum Beispiel über die Aufschaltung entsprechender Informationswebseiten oder die Schaltung von Anzeigen in den sozialen Medien und Suchmaschinen. Denn aus Sicht von Volkswagen erwarten die KundInnen «die Informationen direkt vom Unternehmen». Dies äussere sich auch durch entsprechende positive Rückmeldungen, die er selbst resp. Volkswagen in den letzten Monaten erhalten hat, insbesondere seitdem sie aktiv die eigenen Kunden ansprechen und transparent informieren.

Referat von Christopher Hauss: Link zum Video-Mitschnitt auf YouTube

Dirk von Manikowsky und Johannes Leuchte: «Der Druck nimmt zu: Litigation-PR-Trends aus Sicht der strategischen Unternehmenskommunikation»

Das zweite Referat wurde von Dirk von Manikowsky, Partner, und Johannes Leuchte, Associate Director der Kommunikationsberatung Hering Schuppener Consulting, gehalten. Sie legten dar, warum sich der Druck auf Unternehmen erhöhe, im Falle eines Rechtsstreits aktiver und strategischer zu kommunizieren. Dabei gäbe es drei wichtige Trends: Zum einen hätten öffentliche Debatten nicht zuletzt durch die Sozialen Medien an Schärfe gewonnen, sodass Reputationsrisiken etwa durch juristische Auseinandersetzungen entsprechend steigen würden. Zum anderen würden sich auch die juristischen Risiken für Unternehmen in der DACH-Region erhöhen, z.B. durch veränderte rechtliche Rahmenbedingungen – etwa durch neue Formen von Verbraucherklagen, neuartige Legal-Tech-Unternehmen oder eine stärkere strafrechtliche Sanktionierung bei Compliance-Verstössen. Hinzu komme eine Professionalisierung der Litigation-PR-Kompetenz bei allen Beteiligten. Gerade Unternehmen stünden häufig vor der Herausforderung, dass juristische Auseinandersetzungen häufig nicht früh genug als Thema der Unternehmenskommunikation erkannt würden. Aus diesem Grund plädieren sie dafür, über Risikoanalysen und realitätsnahe Krisensimulationen entsprechende Themen zu identifizieren, interne Strukturen für eine effektive Krisenkommunikation zu schaffen und eine entsprechende Litigation-PR-Kompetenz aufzubauen.

Referat von Dirk von Manikowsky und Johannes Leuchte: Link zum Video-Mitschnitt auf YouTube

Panel: Litigation-PR und Corporate Communications

Im anschliessenden Panel, moderiert von Patrick Krauskopf, analysierten die teilnehmenden Expertinnen und Experten ihre Perspektive auf das Spannungsfeld von Litigation-PR und Corporate Communications. Herr Florian Landolt, Public Affairs Manager bei VELUX Schweiz und Österreich, legte dar, dass es die Kernaufgabe eines Kommunikators sei, «die eigenen Interessen verständlich rüber zu bringen», denn wenn man «nicht verstanden, nicht gehört wird», dann helfe es letztlich auch nicht, recht zu haben. Hilfreich sei hier immer der Aufbau eines Netzwerks an Stakeholdern, welches die Kommunikation erleichtere.

Frau Natasja Sommer, Direktorin Corporate Affairs & Communications bei JTI (Japan Tabacco International) Schweiz, stimmte dem zu, betonte dabei, dass der Aufbau des Netzwerks nach einer klaren Strategie erfolgen müsse, um nicht zu beliebig zu werden. Insbesondere sei es wichtig, zukünftige Entwicklung mit zu antizipieren, was auch eine entsprechende mehrjährige Planung und Budget bedinge. Dabei müsse man jene Stakeholder und Interessensvertreterinnen und -vertreter identifizieren, die einen «entsprechend unterstützen können, wenn ein grösseres Problem» auftrete.

Für Michel Rudin, Head of Corporate Communications bei AGON PARTNERS LEGAL AG, macht gerade das Spannungsfeld zwischen Recht und Kommunikation den Reiz der Litigation-PR aus. Denn was seitens der Juristinnen und Juristen auch mal vergessen gehe, sei, dass die «Kommunikation voll von Emotionen ist», insbesondere dann, wenn die Öffentlichkeit, gewollt oder ungewollt, mit eingebunden werde resp. müsse. Deswegen bedinge die Litigation-PR interdisziplinäre Teams zwischen verschiedenen Disziplinen, wobei er dafür plädiere, das Unternehmen solche Teams nicht einfach zusammen bauen, sondern sich selbst finden lassen, da die dadurch ergebende intrinsische Motivation auch den Erfolg erhöhe.

Für Dominik Isler, Co-Founder von LINDEN Live Learning Labs ist die Basis immer, eine «saubere, authentische Position», die man am Besten «mit einem angemessenen Grad an Gelassenheit» kombiniere. Denn was heute im Fokus der Aufmerksamkeit sei, sei morgen vielleicht schon wieder durch andere Nachrichten verdrängt. Wichtig sei aber auch, dass man trotz digitaler Mittel den persönlichen Austausch nicht vernachlässige und dabei auch unterschiedliche Perspektiven mit einbinde. Denn dadurch könnten sich Probleme auch lösen lassen, bevor sie eskalieren würden.

Panel-Diskussion: Link zum Video-Mitschnitt auf YouTube

Thomas Middelhoff: Ein persönlicher Litigation-PR-Erfahrungsbericht

Als letzter Key-Note-Speaker präsentierte Thomas Middelhoff seine ganz persönlichen Erfahrungen mit der Arbeit und Kommunikation der Staatsanwaltschaft und des Gerichts, insbesondere in Bezug auf die Öffentlichkeit. Es sei ihm ein Anliegen aufzuzeigen, was man als direkt Betroffener beachten müsse, aber auch, was Justiz und Gerichte im Bereich der Rechtskommunikation aus seiner Sicht besser machen könnten.

Interessant für ihn war die Erfahrung, dass sich amerikanische Unternehmen gegenüber dem sogenannten «Kampagnenjournalismus» als resistenter erwiesen hätten als deutsche Unternehmen. Denn jene hätten ihn meist direkt gebeten, die Mandate ruhen zu lassen, obwohl noch keine Verurteilung stattgefunden hatte. Letztlich führte die Berichterstattung dazu, dass die Öffentlichkeit gar nicht mehr wusste, wofür er angeklagt war resp. «für was der Middelhoff eigentlich verurteilt wurde».

Heute, sechs Jahre nach seiner Verurteilung, würden die sozialen Medien eine wichtigere Rolle in der Litigation-PR spielen als noch 2014. Ausserdem würde sich die Berichterstattung der «Mainstream-Medien» ein Stück weit totlaufen. Denn das «immer wieder zuspitzen, immer wieder den ganz besonderen «Scoop» finden zu wollen, führt auch zu Ermüdungserscheinungen» beim Publikum. Es müsse aber auch gesagt werden, dass in Deutschland Führungspersonen der Wirtschaft, denen man Fehlverhalten anlastet, stärker ausgesondert werden, als z.B. in den USA. Dort werde, nach entsprechender Busse, vielmehr eine Reintegration in das gesellschaftliche Wirtschaftsleben angestrebt. Ein solche Veränderung der Mentalität, auch im Hinblick auf die eigene Erfahrung, wünsche er sich für Deutschland.

Key-Note von Thomas Middelhoff: Link zum Video-Mitschnitt auf YouTube

Mit einer Zusammenfassung der Tagung und der Danksagung an die Expertinnen und Experten, die Teilnehmenden und die Partner durch Patrick Krauskopf endete die 5. Litigation-PR-Tagung.

Am 11. November 2021 findet bereits die 6. Litigation-PR-Tagung statt. Alle Informationen dazu, sowie die Möglichkeit, sich für den Newsletter anzumelden, gibt es auf der Webseite der Tagung: https://www.litigation-pr.eu.

Digitale Litigation-PR-Tagung:

Die Durchführung als Digitalveranstaltung bedingte einige strukturelle Anpassungen. So war es während der Pause und am Ende der Tagung für die Teilnehmenden möglich, sich im Rahmen von nicht-öffentlichen Break-Out-Sessions mit den Expertinnen und Experten zu unterhalten. Zusätzlich würde die Tagung live über YouTube gestreamt, um auch eine spontane Teilnahme zu ermöglichen. Zudem wurde zur Auflockerung jeweils ein musikalischer Beitrag von den Künstlerinnen und Künstlern des Opernhauses Zürich angeboten.

Die Workshops der 5. Litigation-PR-Tagung:

Den Teilnehmenden konnten dabei aus einem vielfältigen Angebot auswählen: Dr. Albena Björck und Dr. Fabio Babey führten im Rahmen ihres Workshops zur Litigation-PR-Strategie und -Taktik in die Thematik ein. Dr. Armin Sieber und Dr. Mirjam Teitler diskutierten das Thema aus einer transnationalen Perspektive mit einem Fokus auf Deutschland, Österreich und die Schweiz. Claudia Müller und Dr. Daniel Hardegger analysierten die Herausforderungen des Framings und Gender in der Litigation-PR.

Video-Mitschnitte auf YouTube

Die gesammelten Video-Mitschnitte der Veranstaltung finden sich in dieser Playliste.

Weitere Auskünfte

Patrick Krauskopf, Zentrum für Wettbewerbsrecht und Compliance; Daniel Hardegger, Zentrum für Wettbewerbsrecht und Compliance