Gründungskonferenz des CEE: Zukunft der Elektrizitätsmärkte zwischen Liberalisierung und Regulierung

Im September veranstaltete das Zentrum für Energie und Umwelt seine Gründungskonferenz über die Zukunft der Elektrizitätsmärkte. Im Plenum und parallelen Workshops diskutierten internationale Experten ihre Ansichten und Fragen über die entsprechenden Unterstützungsstrategien erneuerbarer Energien, die Notwendigkeit und Gestaltung von Kapazitätsmechanismen und die Herausforderungen der Schweizer Wasserkraft.

von Regina Betz

Paneldiskussion mit Iain MacGill, Regina Betz und Urs Meister.

Paneldiskussion mit Iain MacGill, Regina Betz und Urs Meister.

In den letzten zwanzig Jahren sind viele Elektrizitätsmärkte weltweit liberalisiert worden. Trotz Liberalisierung bestehen weiterhin zahlreiche Regulierungen – speziell im Bereich der Förderung erneuerbaren Energien. Durch den Zubau der wetterabhängigen erneuerbaren Energien rückt die Frage der Versorgungssicherheit und der Notwendigkeit staatlicher Interventionen, um diese Sicherheit zu gewährleisten, ins Zentrum vieler Debatten.

Gemeinsam mit dem SCCER-CREST und der Kommission für Technologie und Umwelt (KTI) hat das neue Zentrum für Energie und Umwelt (CEE) der ZHAW School of Management and Law dieses Thema als Schwerpunkt für seine Gründungskonferenz ausgewählt und Experten aus der Wissenschaft, Industrie und Politik eingeladen, Fragen und Haltungen dazu zu diskutieren.

Mit einer Vorstellung des Zentrums und des neuen CAS Klimastrategien eröffnete Prof. Dr. Andreas Bergmann die Konferenz. Anschliessend erörterte Prof. Dr. Reto Schleiniger die Fragen, ob der liberalisierte Elektrizitätsmarkt die Versorgungssicherheit gewährleisten kann und ob erneuerbare Energien gefördert werden sollten. Elektrizitätsmärkte verfügten kurzfristig typischerweise über eine sehr unelastische Nachfrage, so seine Argumentation. Diese könne zu Marktversagen führen und somit staatliche Eingriffe in Form eines Preis- oder Mengenansatzes rechtfertigen. In Bezug auf die Förderung erneuerbarer Energien machte er deutlich, dass durch die politisch gesetzte Obergrenze für CO2-Emissionen eine ökonomische Befürwortung der direkten finanziellen Unterstützung erneuerbarer Energien eher schwierig zu begründen sei.

War die Liberalisierung des Elektrizitätsmarktes in Australien erfolgreich?
In seinem Referat präsentierte Ass. Prof. Iain MacGill vom Center for Energy and Environmental Markets (CEEM) der UNSW Sydney die wichtigsten Daten und Entwicklungen des Australischen Elektrizitätsmarktes. Dieser weist mit 15 Prozent einen der weltweit höchsten Anteile an Solaranlagen auf. Im Bundesstaat South Australia besitzt besitzt sogar jeder vierte Haushalt eine Solaranlage.

Die Restrukturierung des Elektrizitätsmarktes, der in Australien üblichere Begriff für Liberalisierung, führte in den letzten Jahren zu einem Anstieg der Strompreise und wirkte sich negativ auf die Versorgungssicherheit aus. Und das, obwohl Australien einen der CO2-emissionsreichsten Strommixe der Welt aufweist. Der Erfolg der Liberalisierung des Australischen Elektrizitätsmarktes kann also infrage gestellt werden. MacGill sprach sich deshalb für einen verstärkten Fokus auf die Robustheit des Systems bei der Energiewende und Verteilungsgerechtigkeit anstelle von Wirtschaftlichkeit (effiziente Investitionen und Betrieb von Anlagen) aus. Noch ist unklar, ob diese Aspekte im heutigen Marktdesign genügend beachtet wurden.

Die Zukunft der Wasserkraft in der Schweiz
Dr. Silvia Banfi Frost vom Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (ewz) zeigte in ihrer Präsentation die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen im Bereich der Wasserkraft in der Schweiz auf. Die schwierigen Marktbedingungen, charakterisiert durch die sinkenden Strompreise und den Rückgang der Differenzen zwischen Spitzen- und Grundlastpreisen seit 2008, erschweren es den Wasserkraftbetreibern zusehends, die Fixkosten ihrer Anlagen zu decken. Das neue Energiegesetz, welches am 1.1.2018 in Kraft tritt, beinhaltet finanzielle Förderungsmassnahmen zur Deckung operationaler Defizite und Investitionen in neue und Sanierung von bestehenden Anlagen. Die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel sind jedoch limitiert und die Massnahmen zeitlich beschränkt. Um zukünftige Investitionen in die Wasserkraft zu gewährleisten, schlägt Banfi Frost die Einführung eines Kapazitätsmechanismus oder flexible Wasserzinsen vor und geht dabei von gleichbleibenden Preisen für fossile Brennstoffe und CO2 aus.

 

Interaktive Workshops zu Wasserkraft, Förderung neuer regenerativen Energien und Kapazitätsmechanismen
Anschliessend an die Referate im Plenum stand es den Teilnehmern offen, an einem der drei interaktiven Workshops zu den Themen «Zukunft der Wasserkraft in der Schweiz», «Förderung erneuerbarer Energien» und «Kapazitätsmechanismen» teilzunehmen.

Im Workshop zur Zukunft der Wasserkraft in der Schweiz wurde die Frage diskutiert, welche Implikationen sich durch den Konkurs eines grossen Elektrizitätsversorgungsunternehmens ergeben, das Konzessionen für Wasserkraftwerke besitzt. Dabei wurde auch das Szenario einer auslaufenden Konzession, die nicht erneuert wird, mitdiskutiert. In beiden Fällen würde die Anlage an die betroffene Gemeinde übertragen, welche die Konzession vergeben hatte. Dadurch würden sich die Kapitalkosten (damit Fixkosten) um rund 20 Prozent reduzieren, was sich positiv auf die Profitabilität auswirken würde. Da jedoch Gemeinden kaum in der Lage sein werden, die benötigten finanziellen Mittel für notwendige Reinvestitionen aufzubringen, würde das Problem langfristig nicht gelöst, weil sich wieder ein Investor finden müsste. Um die Wasserkraft langfristig profitabel zu machen, scheint es demnach unumgänglich zu sein, die Fixkosten durch die Einführung von flexiblen Wasserzinsen zu senken. Unter welchen Voraussetzung eine Einigung erzielt werden kann, blieb offen.

Im Workshop zu den regenerativen Energien war ein breiter Konsens auszumachen, dass regenerative Energien derzeit noch finanzielle Förderung benötigten, solange das Elektrizitätsmarktdesign noch nicht angepasst ist und Externalitäten im Bereich Umwelt und Innovationen nicht vollständig internalisiert sind. Den Teilnehmern war es jedoch wichtig festzuhalten, dass diese Förderungen nur solange bestünden, bis das Marktdesign angepasst würde. Daher sollte ein grosser Wert daraufgelegt werden, dass die Fördermechanismen möglichst flexibel sind und an neue technologische Entwicklungen wie auch Veränderungen des Marktdesigns angepasst werden können. Technologieneutralität wäre zwar erstrebenswert, aber nicht generell, da die Integration von regenerativen Energien auch berücksichtigt werden sollte. Die zusätzlichen «Nutzen» von erneuerbaren Energien, die sie z.B. örtlich und zeitlich leisten, sollten auch berücksichtigt werden. Ein Trade-off zwischen technologischen Kosten und Integrationskosten ist dabei wahrscheinlich und dieser sollte bei der Entwicklung der Fördermechanismen besonders berücksichtigt werde.

Der Workshop zu den Kapazitätsmechanismen startete mit drei Präsentationen. Florian Zimmermann vom Karlsruhe Institute of Technology erklärte die von Deutschland eingeführte Kapazitätsreserve. Anschliessend stellte Yingqi Liu vom Environmental Change Institute an der University of Oxford den neuen Kapazitätsmarkt in Grossbritannien vor. Urs Meister, Leiter Regulierungsmanagement der BKW, skizzierte in seiner Präsentation einen möglichen Schweizer Kapazitätsmarkt, der auf dem britischen Beispiel basiert und eine Verfügbarkeits-Auktion beinhaltet. Die anschliessende Diskussion drehte sich um das Funktionieren der drei vorgestellten Mechanismen. Interessant ist, dass eine Mehrheit der Teilnehmer Kapazitätsmechanismen als Voraussetzung für die Gewährleistung der Versorgungssicherheit in der Zukunft sieht.

Was waren die wichtigsten Erkenntnisse?
Im Anschluss an die Workshops moderierte Dr. Bernd Kiefer im Plenum eine Podiumsdiskussion. Regina Betz, Iain MacGill und Urs Meister fassten die wichtigsten Diskussionsthemen und Erkenntnisse aus den jeweiligen Workshops zusammen. Es entstand eine lebhafte Diskussion rund um das Thema Kapazitätsmechanismen, das auch als Lösung für die Probleme der Wasserkraft gesehen wurde. Es herrschte Einigkeit darüber, dass die saisonalen Konsum- und Produktionsmuster für die Schweiz eine Importabhängigkeit zur Folge haben, deren Risiko sich schwer quantifizieren lässt. Diese Unsicherheit bezüglich der Wahrscheinlichkeit von Importunterbrüchen und die Bestrebung nach einem robusten System wurden als Argumente gesehen, die für die Einführung eines Kapazitätsmechanismus in der Schweiz sprechen.

Kontakt: Prof. Dr. Regina Betz und Prof. Dr. Reto Schleiniger

Regina Betz, Iain MacGill und Urs Meister fassten die wichtigsten Diskussionsthemen und Erkenntnisse aus den jeweiligen Workshops zusammen.

Regina Betz, Iain MacGill und Urs Meister fassten die wichtigsten Diskussionsthemen und Erkenntnisse aus den jeweiligen Workshops zusammen.

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