ales "" & is zhaw mitarbeiter: "zhaw_staff"

Finance Circle: Zahlungsverkehr der Zukunft – Hat das Bargeld ausgedient?

Debit- und Kreditkarten gibt es schon lange, doch jetzt mischen auch mobile Zahlungsmethoden wie Twint den Markt auf. Gleichzeitig konkurrieren Krypto-Währungen wie Bitcoin mit staatlichen Zahlungsmitteln. Kann sich das Bargeld behaupten? Dieser Frage war der vierte Finance Circle in diesem Jahr gewidmet.

Als Veranstaltungspartner begrüsste traditionsgemäss Dr. Thomas Ulrich, Präsident des Zürcher Bankenverbands, das Publikum. Anschliessend stellte Sandro Graf, Marketing-Dozent und Leiter des Swiss Payment Research Center an der SML, die Referenten vor. Er bat die Anwesenden zu signalisieren, wer bereits eine mobile Bezahllösung genutzt hat. Rund 70 Prozent hoben die Hand. Bei der Frage, wer eine solche Lösung häufig nutzt, waren es aber deutlich weniger.

Wer nutzt häufig eine mobile Bezahllösung? Auch unter den anwesenden Finanzfachleuten sind das nur wenige.

Wer nutzt häufig eine mobile Bezahllösung? Auch unter den anwesenden Finanzfachleuten sind das nur wenige.

Starke Netzwerker als Erfolgsfaktor
Erster Referent war Thierry Kneissler, CEO der Twint AG. Das Postfinance-Spin-off hat mit der UBS-Lösung Paymit fusioniert, und im kommenden Januar soll die gemeinsame mobile Bezahllösung starten. «Mobile Payment ist ein Trendthema. Man ist sich einig, dass künftig immer mehr Zahlungen über das Handy laufen werden.» Ohnehin sei momentan viel in Bewegung: So etwa die Harmonisierung des Zahlungsverkehrs oder die überarbeiteten Zahlungsdienstrichtlinien (PSD2), die in Europa neue Services ermöglichen. Bis hierzulande Drittanbieter Zugang zu Bankkonten erhalten, wird es noch dauern. Doch Kneissler rechnet damit, dass dieses Thema auch Schweizer Banken künftig beschäftigen wird.

Unter dem Label «Fintech» drängen neue Player in den Markt, was der Branche gut tut. «Es ist kein Zufall, dass viele Banken Inkubatoren gründen oder Start-ups übernehmen.» Allerdings sieht er oft eine mangelnde Skalierbarkeit der Anwendungen. Anders bei den grossen internationalen Tech-Playern. Dabei geht es vornehmlich um Technologien und Geschwindigkeit. Beides bedingt tragfähige und zukunftsorientierte Ökosysteme. «Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei», so Kneissler. Twint prüft die Zusammenarbeit mit Unternehmen, die beim Thema Coupons viel Erfahrung haben, oder arbeitet mit Händlern zusammen, um Prozesse zu verbessern. «Man muss nicht alles selber machen. Wer letztlich das stärkste Ökosystem hat, wird zu den Gewinnern zählen.» Innerhalb der letzten Jahre ist die Bereitschaft der Nutzer gestiegen, mobile Transaktionsmöglichkeiten zu nutzen. «Viele diffuse Ängste sind überwunden.» Trotzdem: Die Schweiz ist weiterhin ein Bargeldland. «Es braucht viel Zeit, Verhaltensmuster zu durchbrechen.»

Wie geht es mit Twint weiter? Eine reine Zahlungslösung ist keine zukunftsfähige «Killer-App», so CEO Thierry Kneissler. Es braucht zusätzliche Features und neue Use-Cases wie Bezahlen im Restaurant. «Damit lässt sich viel Zeit sparen.»

Wie geht es mit Twint weiter? Eine reine Zahlungslösung ist keine zukunftsfähige «Killer-App», so CEO Thierry Kneissler. Es braucht zusätzliche Features und neue Use-Cases wie Bezahlen im Restaurant. «Damit lässt sich viel Zeit sparen.»

Bitcoin, das «digitale Gold»
Luzius Meisser von Meisser Economics, Gründer und Vorstandsmitglied der Bitcoin Association Switzerland, bezeichnete Bitcoins als «digitales Bargeld». Die grosse Innovation dahinter sei die Blockchain, welche digitale Transaktion von Person zu Person ohne Intermediär ermöglicht. Diese Technologie ist sehr mächtig, weshalb sorgfältig mit ihr umgegangen werden müsse. Datenschutz war einer der Beweggründe für die Entwicklung, die Schaffung eines globalen, unabhängigen Finanzsystems ein anderer. Die Bedeutung dieser Unabhängigkeit zeigte Meisser am Beispiel von Julian Assange auf: Als Visa und Mastercard aufgrund des US-Haftbefehls dessen Konten sperrten, stellte er auf Bitcoins um, um weiterhin Spenden für Wikileaks zu erhalten. Allerdings sei das Missbrauchspotenzial riesig. Das zeigt sich im Darknet, wo illegale Waren wie Waffen oder Drogen mit Bitcoins gekauft werden können.

«Wenn die Medien über Bitcoin berichten, geht der Kurs hoch und wenn der Kurs hochgeht, berichten die Medien», scherzte Luzius Meisser. Derzeit liegt der Wert eines Bitcoins bei ca. USD 600.

«Wenn die Medien über Bitcoin berichten, geht der Kurs hoch und wenn der Kurs hochgeht, berichten die Medien», scherzte Luzius Meisser. Derzeit liegt der Wert eines Bitcoins bei ca. USD 600.

Der Economist nennt die Blockchain eine «Trust Machine», da sie den Mittelsmann ausschaltet. Sie würde neben Zahlungen weitere Transaktionen ermöglichen, wie z.B. Self-Executive Contracts oder Digital Autonomous Organizations. Wird sich die Technologie durchsetzen? Luzius Meisser ist skeptisch und stellt den Vergleich zu Linux her, einer unabhängigen Open-Source-Software. Innovationen müssen zugelassen, Hürden abgeräumt und Freiräume geschaffen werden. Erst bei Fehlentwicklungen soll eingegriffen werden, denn: «Compliance ist kein Produkt, wofür Kunden bezahlen.» Zum Abschluss stellte er Ethereum vor, die zweitgrösste Kryptowährung, die in Zug von Vitalik Buterin entwickelt wird. Meisser rechnet damit, dass sich Bitcoin eher zu «digitalem Gold» entwickeln wird, statt zu einem verbreiteten Zahlungsmittel. Eine unmittelbare Bedrohung für Bargeld und Kreditkarten sind aber beide nicht, sondern lediglich eine Ergänzung.

Zusatznutzen ist Trumpf
Auch die von Sandro Graf moderierte Diskussion drehte sich zunächst um die internationale Konkurrenz wie Apple Pay. Twint-CEO Thierry Kneissler glaubt aber nicht, dass dies die wahren Gegner sind. Man kämpft vornehmlich gegen die Zahlungsgewohnheiten der Nutzer. Erfolg hat nur, wer attraktive Zusatzanwendungen wie Coupons etc. anbietet. Die Sicherheit sei hingegen kein dominantes Thema, wie Umfragen zeigen. Anders bei Bitcoin, wo es bisweilen zu spektakulären Diebstählen und Verlusten kommt. Laut Luzius Meisser seien es absurderweise oft regulatorische Gründe, die mehr Sicherheit verhindern. Dafür sei ein Bitcoin-basiertes Zahlungssystem immun gegenüber politischem Powerplay von Grossmächten wie der USA, die unliebsamen Banken bisweilen schon gedroht haben, sie aus dem Dollar-Clearing auszuschliessen.

Luzius Meisser befürchtet, dass Online-Anbieter ihre User vermehrt datenbasiert kategorisieren und ihnen an die Kaufkraft angepasste Preise anzeigen werden.

Luzius Meisser befürchtet, dass Online-Anbieter ihre User vermehrt datenbasiert kategorisieren und ihnen an die Kaufkraft angepasste Preise anzeigen werden.

Wie wichtig ist das Sammeln und Auswerten von Daten bei mobilen Zahlungslösungen? Natürlich sei das ein relevanter Teil, so Kneissler. Auch ist die Einstellung der Kunden viel unverkrampfter, als es medial dargestellt werde. Vorausgesetzt, man kommuniziert transparent, was mit den Daten geschieht und welchen Mehrwert die Nutzer haben. Er ist überzeugt, dass die meisten Leute in drei bis fünf Jahren eine Zahlapplikation auf dem Handy haben und diese regelmässig nutzen werden. Das sieht auch Meisser so. Er glaubt aber, dass es einen harten Kampf zwischen Banken und Technologieunternehmen geben wird. Denn Zahlungen generieren interessante Informationen, die man zum Beispiel auch für Marketingzwecke nutzen kann.

Wer die Themen Twint und Blockchain weiter vertiefen möchte, hat Anfang November am Swiss Payment Forum in Zürich Gelegenheit dazu.

Auskunft: Anita Sigg, Institut für Wealth & Asset Management

was Sie vielleicht auch interessiert...

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>