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Finance 2.0: Evolution oder Revolution für die Bankenbranche?

Das Schlagwort Finance 2.0 (oder auch Fintech) bewegt den Schweizer Bankenplatz derzeit fast so stark wie die Regulierungsfragen. Steht die Branche vor einem weiteren Wandel, einer „Disruption“, wie es Fintech-Unternehmen nennen? Darüber diskutierten Experten am Finance Circle, der Vortragsreihe des Instituts für Wealth und Asset Management.

Dr. Thomas Ulrich, Präsident des Zürcher Bankenverbandes, begrüsste die Gäste.

Dr. Thomas Ulrich, Präsident des Zürcher Bankenverbandes, begrüsste die Gäste. Der Verband sponsorte den Event und freute sich mit den Organisatoren über mehr als 400 Anmeldungen. Er führte aus, dass die Digitalisierung unser Leben stark verändert habe und sie gewiss nicht vor dem Bankgeschäft halt machen werde.

Aufbruchsstimmung in der Fintech-Szene

Dr. Christoph Kley moderierte die Veranstaltung und zeigte in seinem Vortrag die Treiber der Digitalisierung in der Branche auf.

Dr. Christoph Kley, Dozent für Banking & Finance an der ZHAW School of Management and Law (SML), moderierte die Veranstaltung und zeigte in seinem Vortrag die Treiber der Digitalisierung in der Branche auf. Zu neuen Wettbewerbern, die die Banken herausfordern, zählen Startups, die schwerpunktmässig in den USA oder in London domiziliert sind. Das Volumen der Venture-Capital-Investitionen in Fintech-Unternehmen hat sich in den letzten Jahren vervielfacht und erreichte letztes Jahr über 12 Mrd. US-Dollar. Es herrsche Aufbruchsstimmung in der Fintech-Szene, auch wenn am Ende nur wenige Startups erfolgreich sein werden. Besonders im B2B-Bereich sieht Christoph Kley auch hierzulande Chancen für Startups. Der Schweizer Finanzplatz könne zwar auf traditionelle Stärken wie Qualität, internationale Vernetzung etc. bauen, doch das Startup-Ökosystem sei noch unterentwickelt. Immerhin gebe es vielversprechende Initiativen wie das Swiss FinTech Innovation Lab, für das sich auch die SML und der Zürcher Bankenverband engagieren.

Anspruch an Service steigt

Stefan Arn, Leiter IT UBS Wealth Management Switzerland und Head Group Technology für strategische regulatorische Initiativen, hob den Wert eines umfassenden 24/7-Service im Wealth Management hervor.

Stefan Arn, Leiter IT UBS Wealth Management Switzerland und Head Group Technology für strategische regulatorische Initiativen, hob den Wert eines umfassenden 24/7-Service im Wealth Management hervor. «Wenn am Sonntag um 6 Uhr morgens unser E-Banking down ist, wird sofort darüber getwittert. Die Erwartungshaltung ist enorm, auch bei älteren Kunden.» «Der Wert des Kundenberaters wird signifikant steigen, aber auch der Anspruch ans Profil», ist Arn überzeugt. Die Anzahl der Kundenberater werde daher nicht abnehmen, denn Banking bleibe ein Vertrauensgeschäft. Bislang haben Online-Anbieter im Wealth Management nur geringe Portfoliogrössen und sind somit keine Konkurrenz für das Schweizer Wealth Management. Arn sieht die Vorteile der Digitalisierung vor allem bei einfachen Produkten: «Bis Kunden Mut haben, komplexe Produkte online abzuwickeln, dauert es noch». Trotzdem müssten die Grossbanken mehr IT-Kompetenz aufbauen, denn man müsse Konkurrenten wie z.B. BlackRock, das eigentlich ein Softwareunternehmen sei, entgegentreten können.

Interaktionsplattform für Kunden und Berater

Marco Abele, Head Digital Private Banking der Credit Suisse, fokussierte in seinem Referat auf das Private Banking.

Marco Abele, Head Digital Private Banking der Credit Suisse, fokussierte in seinem Referat auf das Private Banking. Kunden konsultieren heute zahlreiche Quellen, bevor sie Kaufentscheide fällen. Heute würden diese anders kommunizieren, wüssten besser Bescheid und hätten gesteigerte Erwartungen an den Service. Die grössten Herausforderungen, diese Erwartungen zu erfüllen, seien der Umgang mit der steigenden Komplexität und die erforderlichen internen Verhaltensänderungen. Die CS habe beschlossen, ihr Geschäftsmodell zu ändern: Weg vom Relationship Manager (RM), der die Informationen zum Kunden kanalisiert, hin zu einem Modell, bei dem den Kunden alle Informationen sofort zu Verfügung stehen. «Digital Banking ist für uns die neue Bank», so Marco Abele: Allerdings nicht im Sinne eines klassischen Online-Bankings, sondern als interaktive Kollaborationsplattform. Zudem baue man eine flexible Technologieplattform auf. Diese neue Bank docke nur dort an bestehende Systeme an, wo dies unbedingt nötig sei. Bei der Entwicklung wurden Design-Thinking-Methoden angewendet, damit das User Interface die Kundenerwartungen erfülle. Das Roll-out erfolge nach einem stringenten Fahrplan erst in Asien, dann in London und der Schweiz.

Inszenierte Disruption?

Felix Wenger, Bereichsleiter Vertrieb & Kanäle bei der Raiffeisen Schweiz, bestätigte, dass auch die Raiffeisen die Veränderungen spüre, trotz ihres primären Fokus auf den Schweizer Markt.

Felix Wenger, Bereichsleiter Vertrieb & Kanäle bei der Raiffeisen Schweiz, bestätigte, dass auch die Raiffeisen die Veränderungen spüre, trotz ihres primären Fokus auf den Schweizer Markt. 54% der Kunden seien innerhalb eines Jahres nie am Schalter gewesen. Dennoch sei der persönliche Kontakt bei der Bankenwahl entscheidend. Die Art der Interaktion werde sich aber verändern: Der Kunde bestimmt die Interaktion. Dies erfordere intelligentere Beratungssysteme. Wenger gibt zu bedenken, dass Medien, Berater und Agenturen die Möglichkeit von Disruptionen inszenieren. Wer von «customer centric» spreche, wolle oft nur Apps und Gadgets verkaufen. Man müsse das aber aus Sicht des Kunden und seiner Bedürfnisse sehen. Die Schwierigkeit für Berater sei, dass sie nicht mehr wüssten, zu welchem Zeitpunkt im Entscheidungsprozess Kunden zu ihnen kämen und wie viel Vorwissen sie mitbrächten. «Wir werden damit leben müssen, dass Berater im Kundenkontakt all das herausfinden müssen.» Entscheidend sei, dass man echte Beratung anbiete und nicht nur Process Management.

Neue Stellenprofile und gute Chancen für gestandene Profis

An der Podiumsdiskussion waren sich die Referenten nicht ganz einig darüber, welche Fachkräfte für Finance 2.0 gebraucht werden.

Die Podiumsdiskussion eröffnete Christoph Kley mit der Frage, welche Mitarbeitenden die Banken suchen, um die Digitalisierung zu bewältigen: «Keine Banker» sagte Marco Abele. Die CS suche vermehrt nach anderen Profilen: Techniker, Ingenieure, Data Scientists seien begehrt. Bei der Raiffeisen sind es hingegen weiterhin diejenigen, die regionale Communities betreuen können. Anders bei der UBS: Stefan Arn wünscht sich technologisch versierte Bankfachleute, welche die User Journeys verstehen. Folglich seien die Perspektiven für erfahrene Mitarbeitende (50+) sehr gut. Erfahrung sei ein grosses Asset, da Neueinsteiger oft 2 – 3 Jahre bräuchten, um sich in der Komplexität zurechtzufinden. Wer das Geschäft schon beherrsche und die nötige Offenheit mitbringe, habe gute Karten. Marco Abele bezeichnete die Zukunft erfahrener Mitarbeiter gar als «grandios». Sie stünden stark für den Wert der Marke und hätten viel Know-how, das sie weitergeben könnten.

Über 400 Personen nahmen am Finance Circle teil.

Was die Lancierung digitaler Angebote anbelangt, so hat die UBS in Asien und Europa interessante Erfahrungen gemacht: «Viele behaupten, die Interaktion mit Kunden müsste in Asien anders sein. Wir glauben das nicht. Facebook, iPhone etc. sehen überall gleich aus. Wir glauben, es geht mehr in Richtung weltweiter Normierung.», so Stefan Arn. Ähnliches hat man auch bei der CS beobachtet. Dort versucht man auch, Mitarbeitenden an der Innovation teilhaben zu lassen und ihr Know-how zu nutzen: Die CS hat diverse Inkubatoren aufgebaut, in denen auch mit branchenfremden Personen gearbeitet wird. Bei der Raiffeisen hingegen habe man weder die Mittel noch den Anspruch, Innovation zu treiben, so Felix Wenger. «Was kostet das Ganze und wer bezahlt?», lautete eine Publikumsfrage. Laut Stefan Arn seien die Investitionen in die Digitalisierung kein grosser Faktor, wenn man sie mit den regulatorischen Kosten vergleiche. Allerdings ist er der Meinung, dass eine Beratung ihren Preis haben solle.

Auskunft: Hans Brunner, Institut für Wealth & Asset Management

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