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Ethik in Corona-Zeiten: Nutzen vs. Pflicht

Utilitaristen und Deontologen – in der momentanen Corona-Krise haben sich zwei Lager von Ethikern gebildet: Die einen stehen für den Nutzen und die anderen für die Pflicht. Mathias Schüz erklärt, was das genau bedeutet und mit welchem dritten Ethik-Ansatz die beiden Gegensätze auf einen gemeinsamen Nenner kommen könnten.

«Sind die nun weltweit getroffenen Massnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus ethisch gerechtfertigt?» – dieser Frage geht Mathias Schüz in seinem Essay «Ethikansätze im Umgang mit der Corona-Pandemie» auf den Grund und erklärt, dass sich hierbei zwei Lager von Ethikern gegenüberstünden: Einerseits die Nützlichkeitsethiker (Utilitaristen), die eine Herdenimmunität anstreben würden, und andererseits die Pflichtenethiker (Deontologen), die das Gegenteil verträten und das Wohlbefinden der Mehrheit sicherstellen wollen.

Photo von Nathan Dumlao auf Unsplash

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Fundamentale Schwächen bei beiden Ansätzen

Schüz, der Physik, Philosophie und Pädagogik in Mainz studiert hat und an der ZHAW als Professor für Responsible Leadership und Unternehmensethik tätig ist, eruiert, dass beide Lager fundamentale Schwächen aufwiesen. Bei den Utilitaristen käme das System früher oder später an jenen Punkt, an dem das Ärzteperson sich bei zwei Patienten entscheiden müsse, wer nun an das eine Beatmungsgerät angeschlossen würde. Dies gehe fundamental gegen die Haltung der Deontologen, bei denen «die rote Linie der Meschenrechte» gelte, sagt Schüz. Dass jedoch die Isolation aller zum Schutz der Alten und Kranken ebenso unethische Nebeneffekte hat, zeige sich beispielsweise in Indien, wo die verordnete Ausgangssperre zu einer Massenmigration geführt habe, was die Verbreitung des Virus in überfüllten Bussen begünstige.

Ausschlaggebend sind die eigenen Tugenden

Als «Zünglein an der Waage» könnte gemäss Schüz die Tugendethik (Aretologie) fungieren. Dieser dritte Ansatz könne «gewissermassen eine Gewaltenteilung in der Abwägung von ethischen Dilemmata bewirken», da hierbei «die Situation und die vorhandenen Ressourcen und Fähigkeiten der Akteure» berücksichtigt würden. Dieser Ansatz vereine die Utilitaristen und die Deontologen, da im Beispiel des Ärztepersonals in einer Triage-Situation nicht nur aufgrund des Nutzens (beispielsweise, dass grundsätzlich der jüngere Patient ans Beatmungsgerät kommt) oder der Ethik (beide kommen an das Gerät) entschieden würde, sondern auch aufgrund von eigenen Tugenden wie Lebenserfahrung, Intuition und Empathie. Im Kontext einzelner Staaten und der Weltgemeinschaft sei diese Aufgabe von neutralen Ländern zu erfüllen, zitiert Schüz den Ethiker Adam Smith.

Schüz kommt zum Schluss, dass zu prüfen wäre, «inwieweit die vielfältigen Lösungsansätze für die Corona-Krise, die weltweit innerhalb der einzelnen Nationen getroffen wurden, tatsächlich auf einem transparenten Abwägungsprozess im Sinne der drei Ethikansätze basierten, oder ob nicht doch die verborgenen Interessen einzelner Gruppierungen den Ausschlag für die eine oder andere Lösung gegeben haben.»

Zum vollständigen Artikel von Prof. Dr. Mathias Schüz