Die kontinuierliche Neuerfindung Singapurs

Das Zentrum für Risk & Insurance führte Mitte Juni die zweite Studienreise nach Singapur mit der Masterklasse in Insurance Management durch. Neben verschiedenen lokalen und internationalen Versicherungsgesellschaften besuchte die Studiengruppe unter anderem auch die Monetary Authority of Singapore (MAS).

In der wissenschaftlichen Literatur wird Singapur vielfach als Sonderfall[1] oder Vorbild[2] bezeichnet. Der Stadtstaat hat sich in Rekordzeit von einem Entwicklungsland zu einem international relevanten Finanz- und Wirtschaftshub in Südostasien entwickelt. Heute macht der Finanzsektor rund 12 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) aus.[3] Der grösste Konkurrent für Singapur ist aktuell der Finanzplatz in Hong Kong. Es herrscht ein reger Wettbewerb zwischen diesen beiden Standorten. Im Lichte der Versicherungsindustrie analysierte die Studiengruppe des MAS Insurance Management die Herausforderungen hoch entwickelter Gesellschaften und aufstrebender Volkswirtschaften. Die Rolle der Finanzmarktbehörde Monetary Authority of Singapore (MAS) wie auch ausgewählte Ergebnisse von Forschungsprojekten der Studiengruppe sollen hier aufgezeigt werden.

Die Finanzmarktbehörde Singapurs  reguliert und überwacht sämtliche Aktivitäten, welche dem Geld- und Finanzwesen zugeordnet werden.

Die Finanzmarktbehörde Singapurs reguliert und überwacht sämtliche Aktivitäten, welche dem Geld- und Finanzwesen zugeordnet werden.

Die aktive Rolle der Finanzmarktbehörde
Die Singapurer Finanzmarktbehörde MAS wurde 1971 gegründet. Die Behörde reguliert und überwacht sämtliche Aktivitäten, welche dem Geld- und Finanzwesen zugeordnet werden und zuvor von verschiedenen Ministerien wahrgenommen wurden. In dieser Funktion überwacht sie die Finanzdienstleistungen von Banken und Versicherungen. Darüber hinaus agiert die MAS als Zentralbank, verwaltet  die offiziellen Währungsreserven und nimmt eine aktive Rolle in der Entwicklung des Finanzplatzes ein.[4] Dies verleiht der MAS eine besondere Rolle, die im internationalen Vergleich unter den entwickelten Staaten wohl einzigartig ist. In diesem Zusammenhang wird manchmal moniert, die MAS habe widersprüchliche Ziele. [5] Dieser institutionelle Rahmen hat es der Regierung jedoch innerhalb relativ kurzer Zeit erlaubt, Singapur zu einem hochentwickelten Finanzhub zu entwickeln. Dass sich die Staatsgründer Singapurs dabei an Erfolgsmodellen wie der Schweiz orientierten ist bestens bekannt und auch heute pflegen verschiedene Finanz- und Versicherungsinstitute wie auch die Aufsichtsbehörden einen regen Austausch[6]. Es ist somit nicht erstaunlich, dass Singapur seit einigen Jahren gemäss Global Financial Centers Index zu den fünf relevantesten globalen Finanzplätzen zählt.[7]

Der Finanz-Hub Singapur zählt gemäss dem Global Financial Centers Index zu den fünf relevantesten globalen Finanzplätzen.

Der Finanz-Hub Singapur zählt gemäss dem Global Financial Centers Index zu den fünf relevantesten globalen Finanzplätzen.

Singapur als Hub für Cyber-Risiken
Zu den jüngsten Aktivitäten der MAS gehört die Unterstützung der öffentlich-privaten Partnerschaft zum Thema Cyber Risk Management (CyRim). Cyber-Risiken stellen hoch entwickelte Gesellschaften vor zahlreiche Herausforderungen, die nicht mehr nur mit den Methoden und Ansätzen einer einzigen Forschungsdisziplin angegangen werden können. Das CyRim-Projekt wird vom Insurance Risk and Finance Research Center an der Nanyang Technological University (NTU) angeführt. Das Ziel dieser vorwettbewerblichen Forschung besteht darin, einen effizienten Markt für Cyber-Risiken zu entwickeln, indem sowohl das Angebot als auch die Nachfrage nach Versicherungsdeckung in diesem Bereich zu fördern.[8] Der kooperative Ansatz vereint Experten aus der Versicherungsindustrie, Forschung, Regierung und auch Finanzmarktaufsicht. So will sich Singapur in Zukunft als Hub für Cyber-Risiken positionieren.

Protection Gap
Der Versicherungsmarkt in Singapur sieht sich aber nicht nur mit den Herausforderungen hoch entwickelter Gesellschaften konfrontiert. In den vergangenen Jahren verzeichnete der Markt ein kontinuierliches Wachstum und profitiert aktuell insbesondere von den umliegenden Volkswirtschaften. Fünf der zehn aufstrebenden Märkte befinden sich in der Nähe von Singapur, dazu zählen unter anderem China, Indien oder auch Indonesien. Mit dem Begriff «protection gap» wird auf die Problematik von Unterversicherung insbesondere in aufstrebenden Volkswirtschaften hingewiesen. Konkret ist die Differenz zwischen versicherten Vermögensteilen und totalem Verlust als Anteil des BIP gemeint. Gemäss Studien des Internationalen Währungsfonds (IWF) zählt das aufstrebende Asien im globalen Vergleich zur Region, die am schnellsten wächst. Mit steigendem Einkommen werden nicht nur Regierungen und Unternehmen, sondern auch Privatpersonen zunehmend Versicherungsschutz nachfragen.[9] Dieser Zusammenhang ist ebenfalls empirisch erwiesen und lässt sich mit der sogennanten «S-Curve» abbilden. Diese Kurve veranschaulicht, dass mit steigendem Einkommen die Nachfrage nach Versicherungsschutz steigt. Der Schwellenwert liegt aktuell bei rund 5000 USD Jahreseinkommen und flacht bei etwa 30’000 USD wieder ab.[10]

Herausforderung Thailand
Seit 2012 befindet sich Thailand als aufstrebender Markt an der unteren Schwelle dieser Einkommenskategorie. Im Rahmen der Studienreise untersuchte eine Studierendengruppe der ZHAW School of Management and Law die Herausforderung der alternden Bevölkerung für Thailand. Dabei konnte aufgezeigt werden, dass aktuell bei knapp 40 Prozent der über 60-Jährigen nach wie vor die Kinder für ein Auskommen im Alter aufkommen. Die nächste Kategorie bildet mit etwas mehr als 30 Prozent der Bevölkerung Arbeit im Alter. Vor dem Hintergrund der alternden und gleichzeitig schrumpfenden Bevölkerung[11], ist zu erwarten, dass speziell die Nachfrage nach Lebens- und Krankenversicherungen vermehrt zunehmen wird. Um diese Marktbereiche auszubauen, wird zukünftig Versicherungs-Knowhow und spezielle Kenntnisse der lokalen Gegebenheiten gefragt sein. Dies bietet Chancen für internationale Erst- und Rückversicherer.

Die Studienreise nach Singapur mit besondere Fokus auf die Versicherungsbranche hat aufgezeigt, dass in diesem kleinen Stadtstaat eine hohe Dynamik und Innovationskraft vorhanden ist.

Die Studienreise nach Singapur mit besondere Fokus auf die Versicherungsbranche hat aufgezeigt, dass in diesem kleinen Stadtstaat eine hohe Dynamik und Innovationskraft vorhanden ist.

Insurtech Startup
Eine weitere Gruppe befasste sich mit Singapore Life. Dabei handelt es sich um einen Insurtech Startup, der just Anfang Juni 2017 die Lizenz zum Anbieten von Lebensversicherungen von der MAS erhalten hat. Bei dieser Lizenzvergabe darf von einem Novum gesprochen werden, denn seit 1970 hat die MAS keine solche mehr erteilt. Das Geschäftsmodell von Singapore Life besteht darin, Versicherungslösungen an «high net worth» (HNW) Kunden anzubieten, die Singapur als sicheren Hafen bevorzugen. Walter de Oude, CEO von Singapore Life, hielt fest, dass speziell der Lebensversicherungsmarkt mit der technologischen Entwicklung nicht Schritt gehalten habe und somit viel Potenzial brachliege. Dieses möchte er nun erschliessen und den Kunden einfache, onlinebasierte Lösungen zur Verwaltung ihres Vermögens anbieten. Die Studierendengruppe befasste sich vor allem mit der Risikoprofilierung und dem Distributionskanal für Singapore Life. Dabei kam sie zur Erkenntnis, dass sich insbesondere der «gamification approach» eignet, um angemessene Risikoprofile zu erstellen. Dabei erwähnten sie, dass beim Omni-Channel-Ansatz auch der persönliche Kontakt, etwa via Video Chat, gestärkt werden sollte. Denn auch in einer digitalisierten Welt dürfe die persönliche Interaktion nicht vernachlässigt werden.

Kontinuierliche Neuerfindung
Die Studienreise nach Singapur mit besondere Fokus auf die Versicherungsbranche hat aufgezeigt, dass in diesem kleinen Stadtstaat eine hohe Dynamik und Innovationskraft vorhanden ist. Wesentlich dafür sind attraktive Rahmenbedingungen und eine schnelle Anpassungsfähigkeit an veränderte Umweltbedingungen. Und daran arbeitet die Staatsführung kontinuierlich. Ein Erfolgsrezept Singapurs ist, dass sich dieser Stadtstaat kontinuierlich neu erfindet.

Auskunft: Matthias Erny, Zentrum für Risk & Insurance

[1] Kreuzer, Peter, & Weiberg, Mirjam. (2007). Zwischen Bürgerkrieg und friedlicher Koexistenz : Interethnische Konfliktbearbeitung in den Philippinen, Sri Lanka und Malaysia (Kultur und soziale Praxis). Bielefeld: Transcript Verlag.

[2] Siddiqui, K. (2010). The Political Economy of Development in Singapore. Research in Applied Econoics, Vol. 2, No. 2, pp.

[3] Bertelsmann Stiftung, BTI 2016 — Singapore Country Report. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung, 2016.

[4] Guo, Yvonne, & Woo, Jun Jie. (2016). Singapore and Switzerland : Secrets to small state success. Singapore: World Scientific Publishing.

[5] Young, S., Choi, D., Seade, J. & Shirai, S. (2009). Competition among Financial Centers in Asia-Pacific. Prospects, Benefits, Risks and Policy Challenges

[6] Baumann, C. (2017, 23. Mai). Die Schweiz Asiens – auch beim Finanzplatz. NZZ Sonderbeilage Singapur, S. 5.

[7] Yeandle, M. (2017). The Global Financial Centers Index 21. Gefunden am 5. Juli 2017 unter http://www.longfinance.net/images/gfci/gfci_21.pdf

[8] Nanyang Technological University. (2017). Cyber Risk Management Project (CyRiM). Gefunden am 7. Juli 2017 unter http://irfrc.ntu.edu.sg/Research/CurrentProjects/Pages/Cyber-Risk-Management-Programme.aspx

[9] Menon, R. (2015). Smart regulation and sustainable insurance growth. Gefunden am 5. Juli 2017 unter http://www.bis.org/review/r150609c.htm

[10] Enz, R. (2000). The S-Curve Relation Between Per-Capita Income and Insurance Penetration. The Geneva Papers on Risk and Insurance, Vol. 25, No. 3 (July 2000), pp. 396-406.

[11] Dies ist massgeblich auf veränderte Lebensbedingungen zurückzuführen. Bessere Ausbildungen, andere Arbeitsmodelle und eine verstärkte Urbanisierung führen dazu, dass die Bevölkerung in Thailand eher später und tendenziell weniger Kinder hat als früher. Der Urbanisierungsgrad Thailands betrug 2010 44 Prozent ist tendenziell steigend (Dombrowski, K., 2013, Modernity has arrived. Development and Cooperation. Gefunden am 7. Juli 2017 unter https://www.dandc.eu/en/article/population-growth-thailand-close-zero-and-average-age-across-nation-rising).

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