«Auch in der Mathematik werden Geschichten erzählt.»

Andreas Haldimann ist Dozent für Mathematik an der ZHAW School of Management and Law. Was viele Studierende und Kollegen jedoch nicht wissen; er schreibt Krimis und wurde dieses Jahr für den Zürcher Krimipreis nominiert. Wie er zum Schreiben kam und warum sich Mathematik und Krimis ähnlicher sind, als man meinen könnte, erfahren Sie im Interview.

Herr Haldimann, sie dozieren Mathematik an der SML. Man könnte also vermuten, dass Sie eher Gefallen an Zahlen und Logik finden als an Worten und Fiktion. Woher stammt Ihre Leidenschaft für das Krimischreiben?
Geschichten faszinieren mich seit meiner Kindheit. Woher diese Faszination kommt, kann ich nicht genau sagen. Aber lassen Sie mich noch etwas zu den scheinbar widersprüchlichen Interessen für die Mathematik und das Schreiben sagen. Aus meiner Sicht liegen diese Interessen nicht so weit auseinander, wie das landläufig immer behauptet wird. Auch in der Mathematik werden «Geschichten erzählt». Das erfolgt in einer formalen Sprache, und jede «Geschichte» muss bewiesen werden. «Beweise» finden wir aber auch in einem Roman, nur nicht in diesem abstrakten Rahmen. Schliesslich verlangen wir auch, dass die erzählten Ereignisse schlüssig und nachvollziehbar sind. Es gab übrigens sehr berühmte Mathematiker, mit denen ich mich natürlich in keinster Weise vergleichen möchte, die Beiträge zur Literatur geleistet haben. Zu erwähnen wäre da sicher Blaise Pascal, Felix Hausdorff oder Bertrand Russell. Er gewann 1950 sogar den Literatur-Nobelpreis.

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Brasilien – Andreas Haldimann, Verlag Hans Schiler

Gibt es Ihrer Meinung nach gar einen Zusammenhang zwischen dem Lösen von Mathematik-Problemen und Kriminalfällen?
Den gibt es ganz bestimmt. In beiden Gebieten steht eine Frage im Zentrum, auf die man eine Antwort sucht. Diese sollte nachvollziehbar sein. D.h. angefangen bei den Voraussetzungen muss man sich mittels mehr oder weniger genau festgelegten Regeln von einem Zwischenresultat zum nächsten hangeln, bis man schliesslich die Antwort gefunden hat. Leider gibt es weder in der Mathematik noch bei Kriminalfällen eine Garantie diese Antwort auch wirklich zu finden.

Wann haben Sie damit begonnen zu schreiben?
Mit schreiben begonnen habe ich im Gymnasium. Später, während des Studiums und der Arbeit an meiner Dissertation, fehlte mir dafür die Zeit. Erst danach habe ich angefangen Krimis zu schreiben. Es war allerdings ein sehr langer und schwieriger Prozess bis ich soweit war, meinen ersten Krimi einem Verlag vorzulegen.

Was macht einen guten Krimi Ihrer Meinung nach aus?
Ein guter Plot mit einer stimmigen Beschreibung des Milieus und den Menschen, die sich darin bewegen. Das meine ich nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich.

In Ihrem neusten Krimi «Brasilien» kommt Ihr Privatdetektiv einer Familientragödie auf die Spur. Wären Sie selber manchmal lieber Detektiv als Mathematiker?
Da muss ich differenzieren. Wenn es darum geht mit meinem fiktiven Privatdetektiv Aimé Vainsteins zu tauschen, dann tue ich das sicher gerne. Das ist ja gewissermassen meine Aufgabe als Autor und hat, wie ich oben erwähnte, durchaus etwas mit Mathematik zu tun. Wenn es allerdings darum geht mit einem realen Privatdetektiv oder Kommissar zu tauschen, dann müsste ich diese Frage ganz klar verneinen. Das «mathematische Universum» hat für mich unendlich viel mehr zu bieten.    

Sie waren dieses Jahr für den Zürcher Krimipreis nominiert. Waren Sie enttäuscht, dass der Preis an einen anderen Autor gegangen ist?
Obwohl ich sicher gerne gewonnen hätte, war ich nicht enttäuscht. Für mich war schon die Nomination ein sehr grosser Erfolg. Davor waren meine Krimis ausser in meinem Freundes- und Bekanntenkreis kaum jemandem bekannt. Durch die Nomination hat sich das doch ein wenig verändert, was mich natürlich sehr freut.

Welche Krimiautoren und Bücher mögen sie persönlich?
Ein Krimiautor, den ich sehr schätze und der mich sicher auch stark beeinflusst hat, ist Raymond Chandler. Seine Romane und Short Stories faszinieren mich immer wieder von Neuem.

Wissen Ihre Studentinnen und Studenten von Ihrer Tätigkeit als Autor?
Ich erwähne es nicht. Wenn ich aber darauf angesprochen werde, gebe ich gerne Auskunft. Bis jetzt war das nur einige wenige Male der Fall. Ob die betreffenden Studenten das Buch dann auch gekauft und gelesen haben, entzieht sich allerdings meinem Wissen.

Zu guter Letzt: Haben Sie einen Buchtipp für unsere Studierenden und Mitarbeitenden?
Auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, muss ich Raymond Chandlers «The Long Goodbye» erwähnen. Ebenfalls sehr lesenswert finde ich Dashiell Hammetts «Red Harvest».

Kontakt: Andreas Haldimann, Kommunikation und Mathematik in Wirtschaft und Recht

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