Alumni Homecoming Day: Schweizer Wirtschaft im Umbruch

Am Freitag, 6. November, fand der 6. Alumni Homecoming Day der SML statt. Rund 350 Gäste waren der Einladung gefolgt. «Wohin steuert die Schweizer Wirtschaft?», lautete die grosse Frage an diesem Abend. Zumindest während des offiziellen Programms.

In seiner Begrüssung gab Prof. André Haelg, Direktor der ZHAW School of Management and Law (SML), einen Überblick über die wichtigsten Ereignisse der letzten zwölf Monate. Zudem skizzierte er die strategischen Ziele der SML und ging auf aktuelle Entwicklungen im Hochschulumfeld ein. 2015 hat die SML so viele Bachelor- und Masterdiplome vergeben, wie nie zuvor. Weiter wurden drei neue Masterstudiengänge genehmigt und diverse neue Weiterbildungsangebote konzipiert. Das grösste Ereignis war aber die Erreichung der AACSB-Akkreditierung.

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David Bosshart, «einer der Vordenker der Schweiz».

Wo steht die Schweiz?
Dr. David Bosshart, CEO Gottlieb Duttweiler Institute, wurde von der Moderatorin Sonja Hasler als «einer der Vordenker der Schweiz» vorgestellt. Sein Referat drehte sich um den Wandel von der industriellen zur digitalen Welt. Zwei grundverschiedene Welten, wie er anhand von Beispielen aufzeigte. Beim Umgang mit diesem Wandel gelte es, die Tücken von Vergleichen und Messgrössen zu bedenken, so Bosshard. Indikatoren wie das BIP würden aus der industriellen Zeit stammen und die Realität kaum mehr abbilden. Mit Sorge beobachtet er, dass viele Trends in die falsche Richtung gingen nach dem Motto «Immer mehr vom selben.» Doch die Flucht in die Grösse sei die Flucht in die nächste Katastrophe. Von vielem bräuchte es nicht mehr, sondern weniger. Als wichtige Megatrends nannte er neben der Digitalisierung (De)Globalisierung, Demographie, Individualisierung, Urbanisierung und Consumerization. «Die Schweiz ist extrem gut aufgestellt», ist David Bosshart überzeugt. So habe die hiesige Wirtschaft gelernt, mit dem starken Franken zu leben. Der Zwang zur Steigerung der Produktivität halte die Wettbewerbsfähigkeit hoch. Egal welche Parameter man betrachte, die Schweiz sei meist unter den Top-Ländern und die Arbeitslosigkeit gehört zu den tiefsten weltweit. Das Land habe viele Stärken wie gute Bildungsinstitutionen, hohe Leistungsbereitschaft und Innovationskraft und einen guten Branchenmix auf kleinstem Raum. Entscheidend sei aber die Frage: «Können wir die anstehenden Probleme lösen oder verwalten wir sie nur?»

Neu denken, statt weiterentwickeln
Der Graben zwischen Wirtschaft und Politik werde weiter wachsen. Ausser im Silicon Valley gebe es aber kaum neue Denkmodelle. Technologieeffekte würden kurzfristig über- und langfristig unterschätzt: «Die Software, die heute die Welt verändert, hat mindestens denselben Effekt wie die Erfindung des Geldes und der Schriftsprache.» David Bosshart ist überzeugt, dass Vergangenheits- und Gegenwartorientierung, Konformismus und Sicherheitsdenken immer weniger Chancen haben. Die IT-Welt entwickle sich nicht linear, sondern exponentiell. Die lineare und bürokratische Welt, geprägt von hoher Spezialisierung und Silodenken, sei nicht gerüstet für diese Herausforderung. Egal in welcher Branche man tätig sei, immer müsse man sich fragen: Was machen Google und Apple? «Diese Firmen hängen alle anderen ab.» Je technikgetriebener die Welt sei, desto wichtiger werde die Vorstellungskraft. Dabei gehe es darum, Dinge neu zu denken und nicht, Bestehendes weiterzuentwickeln, zu extrapolieren. «Immer mehr von dem was kommt, hat immer weniger mit dem zu tun, was ist», so Bosshard. Lernen zu lernen, werde deshalb wichtiger werden.

«Digitalisierung» war eins der Themen, dass während der Podiumsdiskussion aus verschiedenen Perspektiven behandelt wurde.

Zu viel Angst vor Fehlern

Unter der Leitung von Sonja Hasler diskutierten David Bosshart, Zweifel-CEO Dr. Mathias Adank, Petra Dreyfus, Managing Director von Wirz Werbung, sowie Marcel Friberg, Präsident von Graubünden Ferien, über die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen. Letzterer zeigte am Beispiel des Rückgangs der Logiernächte, wie ein gesamte System bedroht sei: «Wenn wir irgendwann nur noch vier Millionen Logiernächte jährlich haben, fährt vielleicht auch die RHB nicht mehr.» Obwohl Wirz nur in der Schweiz tätig ist, spürt auch Petra Dreyfus den Druck: «Internationale Kunden kehren der Schweiz den Rücken, weil die Kosten zu hoch sind. Was in Deutschland produziert werden kann, wird dort produziert.» «Die Ausländer mögen zwar unsere Chips, nicht aber unser Preisniveau», doppelte Mathias Adank nach. Digitalisierung sieht auch Petra Dreyfus als wichtigste Herausforderung: «Wir müssen als Schweizer aber nicht die Ersten sein, denn die machen oft viele Fehler. Viele Fehler können wir uns in diesem Hochpreismarkt aber nicht leisten», gab sie zu Bedenken. «Digitalisierung ist eine Realität: Heute habe ich mehr Informatik in der Fabrik als in der Verwaltung», so Mathias Adank. Viel Potenzial sieht er aber noch im Retailing, im Umgang mit den Konsumenten und deren Daten. Dem stimmte Marcel Friberg zu: «Die Segmentierung nach geographischen Märkten funktioniert nicht mehr. Es braucht mehr individuelle Angebote, die entsprechend vermarktet werden.» Ob sich die Schweiz mit den Wahlen einer «Kultur der Abschottung» verschrieben habe, wollte Sonja Hasler wissen. Die Podiumsteilnehmer hoffen nicht, denn das wäre fatal. Die Wirtschaft müsse klar sagen, was sie brauche, so David Bosshart, denn das Erfolgsmodell sei in Gefahr: «Nichts ist so stabil, dass es nicht untergehen kann. Die Halbwertszeit von Firmen sinkt dramatisch.» Schliesslich plädierte er für mehr Risikofreude: «Das Problem unserer Kultur ist es, das wir zu viel Angst haben, Fehler zu begehen.»

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Der grosse Moment: Marine Condette übergibt Andé Haelg die AACSB-Urkunde.

Earned Excellence
Feierlicher Höhepunkt des offiziellen Teils war die Übergabe der AACSB-Urkunde durch Marine Condette, AACSB Europe, Middle East, and Africa Headquarters in Amsterdam. Daniel Seelhofer, Leiter der Abteilung International Business, beschrieb den Prozess und die Schwierigkeiten, welche die SML bis zur Erreichung der Akkreditierung durchlaufen hat. Marine Condette erwähnte einige beeindruckende Fakten: Zum Beispiel hätten 97 Prozent der CEOs der Fortune 500, die ein Wirtschaftsstudium absolviert haben, dies an einer von AACSB akkreditierten Hochschule getan. Nach der Urkundenübergabe bedankte sich André Haelg nochmals bei allen, die zur Akkreditierung beigetragen haben. Speziell aber bei Daniel Seelhofer, der als Leiter der entsprechenden Task Force die grösste Verantwortung getragen hatte. Beim Apéro riche pflegten Alumni und Mitarbeitende alte Freundschaften,  knüpften neue Kontakte und manche feierten an der Alma Mater Nacht bis in die Morgenstunden weiter.

Auskunft: Julia Jöhren, Alumni Relations

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