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Ästhetik im Recht der Denkmalpflege – Tagung zum Recht des Heimatschutzes und der Denkmalpflege

Die sechste Ausgabe der Tagungsreihe zum Recht des Heimatschutzes und der Denkmalpflege hatte diesmal in den digitalen Raum eingeladen. Die Tagung wurde einmal mehr sehr gut besucht. Rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, bestehend aus Denkmalpflegern, Rechtsanwälten, Architekten und Verwaltungsmitgliedern, nahmen an der Online-Konferenz teil.

 

Andreas Abegg, Leiter des Zentrums für öffentliches Wirtschaftsrecht an der ZHAW School of Management and Law, sprach in seiner Einführung über die «Hilflosigkeit» des Rechts gegenüber dem Begriff der Ästhetik. Insbesondere die distanzierte Objektivierung der Gerichte und die Einräumung eines grossen Ermessensspielraums an die örtliche Baubehörde, sobald es um die ästhetische Würdigung geht, hinterfragte er kritisch.

 

Stephanie Herold, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien Universität Bamberg, sprach über den Begriff der Schönheit in der Geschichte der Denkmalpflege und über die moralische Konnotation dieses Schönheitsbegriffes. Nach Herold bedingt die Vermittlung den offenen Diskurs. «Erst durch die Diskussion legitimiert sich die Denkmalpflege in ihren Urteilen und bezieht ihre gesellschaftliche Relevanz», so Herold.

Oliver Streiff, Dozent an der ZHAW School of Management and Law, äusserte sich zum Platz der Ästhetik im Recht am Beispiel des Ortsbildes. Fragestellungen rund um das Ortsbild seien Gegenstand von Wahrnehmungsdiskursen, die von zwei Positionen aus, aus Sicht des Durchschnittsbetrachters und des Fachgremiums, geführt werden. Die Gerichte stützen sich dabei regelmässig auf den sogenannten Durchschnittsbetrachter ab. Streiff sieht im Element des «Hässlichen» eine zentrale Verbindung beider Diskursstränge und plädiert für eine Öffnung des Wahrnehmungsdiskurses vom Negativen her.

Reto Nussbaumer, Kantonaler Denkmalpfleger Aargau, schilderte anhand konkreter Beispiele, inwiefern die Ästhetik in der Praxis des Denkmalpflegers eine Rolle spielt. Nach Nussbaumer sind insbesondere bei der Inventarisierung, dem Handeln am Denkmal und in der Vermittlung regelmässig Ästhetik-Diskussionen zu führen. Hierbei bildet der Begriff des «Schönen» nicht das entscheidende Kriterium, obschon ein «schönes Denkmal» durchaus leichter zu vermitteln sei. Nussbaumer argumentierte, dass das Denkmalverständnis über den Begriff der Schönheit hinausgeht und regelmässig sämtliche Zeugnisse gegenwärtiger und vergangener Geschichte umfasst. Gerade am Beispiel jüngerer Denkmale, insbesondere aus der Nachkriegszeit, zeige sich aber, dass die Schönheitsdiskussion nicht vollständig aus dem Diskurs auszuräumen ist.

Maarten Delbeke, Professor für Geschichte und Theorie der Architektur am gta der ETH Zürich, behandelte die Bedeutung des «Gesimses» in der Architektur. Nach Delbeke lassen sich am Beispiel des Gesimses ästhetische und auch gesellschaftspolitische Diskussionen führen. Das Gesims gilt als Ausdruck einer alten Weltordnung einerseits und als wesentliches Element in der visuellen Komposition von Architektur andererseits. Die unbestimmte Einordnung des Gesimses in der Baukunst und im Recht führt regelmässig zu einer individuellen Gestaltung des Gesimses durch den Baukünstler.

Wir danken den Referierenden für ihre spannenden Vorträge und den Teilnehmenden für Ihr Interesse. Es freut uns sehr, dass die diesjährige Tagung Anklang fand und wir auch in einer virtuellen Umgebung eine spannende und informative Diskussion führen durften. Die nächste Tagung zum Recht des Heimatschutzes und der Denkmalpflege findet am 1. September 2021 statt – hoffentlich live in Winterthur oder dann wiederum im virtuellen Raum.

Andreas Abegg, Oliver Streiff und Samra Ibric

Zentrum für öffentliches Wirtschaftsrecht, ZHAW School of Management and Law