2. Litigation-PR Tagung: Heiligt der Zweck die Mittel?

75 Teilnehmende aus Politik, Wirtschaft, Recht und Medien diskutieren Ende April an der 2. Litigation-PR-Tagung in Referaten, Interviews und Workshops über die Mittel zum Zweck in der Rechtskommunikation.

«Kommunikation ist wie eine Handgranate – man kann sie in eine ungefähre Richtung werfen, die genauen Folgen lassen sich aber nur schwer abschätzen.» Zu diesem Schluss kommt Ständerat Daniel Jositsch in seinem Eröffnungsreferat an der Litigation-PR-Tagung der ZHAW School of Management and Law (SML). Der Anlass fand Ende April zum zweiten Mal statt, dieses Jahr zum Thema «Rechtskommunikation: Das Mittel zum Zweck». Neben Daniel Jositsch diskutierten Nationalrätin Natalie Rickli und weitere Expertinnen und Experten aus Politik, Recht und Medien über die Bedeutung und Instrumente der prozessbegleitenden Kommunikation. In Referaten, Interviews und Workshops setzten sich rund 75 Teilnehmende mit aktuellen Herausforderungen und Chancen der Litigation-PR auseinander.

Die Kuh vom Eis bringen
Zündstoff für Diskussionen gab es im der jüngeren Vergangenheit zur Genüge: Von der Überbuchung bei United Airlines, über den Wahlkampf in Frankreich und den USA bis zum VW-Abgasskandal und zahlreichen weiteren Beispielen aus der Schweiz. «Man kann einen Fall zwar juristisch gewinnen, im Bild der Öffentlichkeit aber trotzdem nicht die gewünschte Wirkung erzielen», sagte Jens Lehne, Leiter der Abteilung Business Law der SML zur Begrüssung. «Deshalb brauchen Juristen ein Gespür dafür, wann sie PR-Experten beiziehen sollten.» Wer die sprichwörtliche Kuh vom Eis bringen will, sollte dies jedoch früh genug tun, riet Daniel Jositsch dem Publikum aus seiner eigenen Erfahrung als Politiker, Anwalt und Strafrechtsprofessor. Er kritisierte, dass Medienschaffende nicht an ihrer Rolle als vierte Gewalt, sondern primär an dreckiger Wäsche interessiert seien. «Die Medien verteilen die Rollen von Gut und Böse sehr rasch und lassen sich erst davon abbringen, wenn man den Schwarzen Peter weiterreichen kann», so Jositsch.

Politische und taktische Überlegungen
Richard Eisler, Verwaltungsratspräsident von Comparis, hat diese Rollenverteilung 2012 selbst erlebt. Medienberichten zufolge soll damals ein Mitarbeiter des Vergleichsportals versucht haben, einen Prämienrechner des Bundesamts für Gesundheit zu hacken. Der Bund reichte daraufhin eine Strafanzeige ein. Im Interview mit SML-Dozent Mark Alder analysierte Eisler das Vorgehen von Comparis in dieser Krisensituation. «Dank frühzeitigen Massnahmen und einer klaren Kommunikation konnten wir eine weitere Eskalation vorerst verhindern», erzählte Eisler. Das Strafverfahren wurde eingestellt, da politische und taktische Überlegungen die Anzeige beeinflusst hätten. Um einen Imageschaden abzuwenden, reichte Comparis seinerseits eine Klage gegen das EDI ein, um den Sachverhalt restlos zu klären. Als die Fakten schliesslich auf den Schreibtischen der Medien lagen, ging Comparis als Gewinner aus dem Rechtsstreit hervor.

Fehler eingestehen
Dass es einem Unternehmen gelingt, eine negative Berichterstattung umzukehren, ist allerdings eher die Ausnahme. Als Lehrstück falscher Kommunikation analysierten die Wirtschaftsjournalistin Andrea Fiedler und der PR-Berater Hans Klaus die Reaktion der VW-Konzernleitung auf den Abgasskandal. «Das Management hat die Fehler erst zugegeben, als die Beweise vorlagen, eigene Interessen über diejenigen der Kunden und Mitarbeitenden gestellt und versucht, den Schaden zu begrenzen, anstatt Lösungen anzubieten», sagt Andrea Fiedler. «In einem extrem hierarchischen Unternehmen gibt es keine Kultur des Widersprechens. Da verwundert es nicht, wenn Mitarbeitende in der Krise direkt an die Medien gelangen», ergänzt Hans Klaus. In der Krisenkommunikation gehe Geschwindigkeit vor Vollständigkeit. «In einem solchen Fall muss man aktiv an die Medien gelangen und Probleme eingestehen, während die Ursachen parallel dazu intern untersucht werden», so Klaus. Auch wenn das für Juristen schwer zu verstehen sei.

Imageverlust vs. Schadenersatz
Tagungsleiter Patrick Krauskopf warf ein, dass Bussen und Schadensersatzklagen bei einem Eingeständnis der Schuld schwerer wiegen können, als Umsatzeinbussen aufgrund eines Imageverlusts. Im Fall von VW kostet die Wiedergutmachung für VW alleine in den USA bis zu 25 Milliarden Dollar. Dies gilt es jedoch von Fall zu Fall abzuwägen, wie das Beispiel von United Airlines zeigt. Der Schadenersatz für einzelne Passagiere, die aufgrund einer Überbuchung gewaltsam aus dem Flugzeug entfernt wurden, wäre für die Fluggesellschaft vielleicht noch tragbar gewesen. Dass der Vorfall jedoch gefilmt wurde und sich über die sozialen Netzwerke wie ein Lauffeuer verbreitete, hinterlässt einen irreparablen Imageschaden. «Das Video spricht für sich. In einem solchen Fall können nur noch eine aufrichtige Entschuldigung und eine angemessene Wiedergutmachung den Imageschaden begrenzen», sagt Juristin und Social-Media-Expertin Noëmi Schöni. «Die Technologie gibt hier den Ausschlag.» Unternehmen seien gezwungen, sich mit den neuen Kommunikationsmitteln und -kanälen auseinanderzusetzen.

Workshop mit Fallbeispielen
Anhand von Fallbeispielen konnten die Teilnehmenden der Litigation-PR-Tagung ihr Wissen in drei parallelen Workshops gleich anwenden. Public Affairs-Spezialist Martin Jenewein zeigte am Beispiel der Verhaftung des Ungarischen Oligarchen Dmitrij Firtasch in Wien durch das FBI Strategien und Tools bei der grenzüberschreitenden Ligitation-PR auf. Die Marketing- und Verhandlungsstrategen Christian Schlimok, Andreas Huthwelker und Daniel Hardegger analysierten anhand von systemtheoretischen Ansätzen das Mapping im Fall des Hashtags #keingeldfuerrechts der Agentur Scholz&Friends. Und schliesslich zeigte Kommunikationsberater Armin Sieber, wie Social Media in der Rechtskommunikation funktioniert – am Beispiel einer Schönheitsklinik, die Probleme mit fehlerhaften Implantaten hatte.

Court of Public Opinion
In der Paneldiskussion diskutierten Roland Binz, Juan Cortizo, Michael Knoll, Natalie Rickli und Rena Zulauf über die Rolle der Medien und mit welchen aktuellen Herausforderungen Unternehmen, Politiker aber auch gemeinnützige Organisationen zu kämpfen haben. Während die Kommunikation über die Social Media Kanäle immer schneller vorangehe, würden Unternehmen vermehrt die Kontrolle über ihre Inhalte im Netz verlieren. Der «Court of Public Opinion» reagiere überaus emotional und bilde sich so eine eigene, oftmals unverrückbare Meinung. Aktuelle Fälle zeigen, welch negative Konsequenzen dies auf ein Unternehmen haben könne. Diese Herausforderungen würden die Bedeutung einer überlegten, professionellen Rechtskommunikation deutlich machen, so das Fazit des Panels.

Medien auf Schlagdistanz halten
Ein letztes eindrückliches Beispiel für die Bedeutung der Kommunikation in einer rechtlichen Streitigkeit zeigte Hannes Hartung. Er vertrat den Sammler Cornelius Gurlitt im Fall des Schwabinger Kunstfundes, bei welchem es die Rechtmässigkeit dessen Erbes von 1280 Kunstwerken zu beurteilen galt. Auf das grosse mediale Interesse am «Fall Gurlitt» reagierte Hannes Hartung mit entsprechenden Kommunikationsmassnahmen und erstellte unter anderem eine PR-Website. Hartung betonte zudem, wie wichtig es für die anwaltliche Tätigkeit sei, die Medien auf Schlagdistanz zu halten. Das Referat von Hartung, welches zugleich den Abschluss des formellen Teils der Tagung bildete, verdeutlichte nochmals, dass Litigation-PR zwar schwierig, oftmals jedoch notwendig sei.

Im historischen Restaurant «Haus zur Geduld» in der Winterthurer Altstadt fand das Gala-Dinner statt. Die Teilnehmenden liessen den Tag Revue passieren und tauschten sich untereinander aus. Zum Abschluss der Tagung zeigte Dominik Isler, CEO des Swiss Economic Forum (SEF), in seiner Keynote, wie Unternehmen bereits im Vorfeld verhindern können, dass Litigation-PR überhaupt notwendig wird. Die 3. Litigation-PR-Tagung findet am 18. April 2018 statt.

Auskunft: Patrick L. Krauskopf, Zentrum für Wettbewerbs- und Handelsrecht

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